Beste Trompete in der deutschen Blaskapelle

blond, Juli 2002

Beste Trompete in der deutschen Blaskapelle

Warum das TV von blonden Durchlauferhitzern nie genug kriegen kann

Original PDF aus der blond

Es ist Foto-Shooting Termin, das Studio ist schäbig, der Rand der Jagdwurst auf den halben Brötchen biegt sich. Auf einem Bock räkelt sich feinste Katalogware, der Fleisch gewordene Traum aller Onanisten. Name: Kelly Trump, Alter: 31, Beruf: Porno-Darstellerin, Entschuldigung, ehemalige Porno-Darstellerin, aber das will hier eigentlich niemand hören. Klar, ab sofort ist Kelly (sie wird von allen geduzt) Moderatorin, vielleicht sogar Schauspielerin. Denn seit Mai moderiert sie „La Notte“ und begleitet schlaflose Männer mit Hand im Schritt durch die Nacht. Der TV-Sender Neun Live verspricht sich von Kelly und ihren „Erotik-Sketchen“ glühende Schwänze, was gleichbedeutend mit hohen Einschaltquoten ist.

Und deswegen sind sie gekommen, die Fotografen und Journalisten von „Blitz Illu“, „Coupe“ und den anderen Blättern. Vordergründig, also vom Verstand her, geht es darum, dass mal wieder eine Dame den Ausstieg aus der Hardcore-Branche und den Einstieg in die Erotik-Szene sucht, wie dass schon Dolly Buster und Gina Wild erfolgreich taten. Untergründig, also vom Becken her, stellen sich natürlich andere Fragen: Wie sieht die Frau aus, die in über sieben Jahren Hunderte, ja vielleicht Tausende von Lunten ausgeblasen hat, eine Frau, die sich beruflich literweise Sperma ins Haar hat spritzen lassen? So schroff würde das hier niemand formulieren, aber irgendwas zwischen Vorurteil und Fantasie nimmt jeder mit in den Raum und Kelly weiß das auch.

Scheu sitzt sie auf dem schwarzen Ledersofa und raucht eine Zigarette nach der anderen. In die Augen schaut ihr kaum mal jemand, dabei sind diese wunderschön- so grün, so tiefleuchtend grün. Sind das Kontaktlinsen? Die Tür muss schnell geschlossen werden, denn Kelly ist stets kalt. Schmale Taille, blonde Haare und ein riesiger Kunstbusen, einer, der das Rückgrat verbiegt. „Ich suche mir ein Wolf, wenn ich Dessous kaufen will“, sagt Kelly und die Kollegin von Blitz Illu nickt eifrig. Die beiden tauschen E-Mail Adressen aus und wollen demnächst zusammen suchen gehen.

Gesangs- und Sprechunterricht hat sie genommen, um auch in Filmen mit Sprechakt mitwirken zu können. Im neuen Streifen von Ralf König hat sie eine Nebenrolle – sie spielt sich selbst und muss es mal wieder mit einem Typen treiben. Aber egal, es ist ein Anfang.

Lockeres Gesprächsgeplänkel, dann die erste knallhart-journalistische Frage der Dame von Coupe: „Ist man als Porno-Star besser im Bett?“ Hui, gefährlich, aber Kelly, nicht mundfaul, retourniert: „Nein.“ Damit ist der Reigen eröffnet, endlich darf über Sex geredet werden. Und Kelly packt aus, denn sie steht nicht mehr unter Vertrag und muss nicht versichern, dass ihr das wütende Gerammel „enorm viel Spaß bringt“ oder, wie sie dass auf der Webseite ihres Produzenten ausdrückt, „die Kamera mir eigentlich einen zusätzliche Kick gab“. Heute klingt das etwas anders: „Kein normaler Mensch würde das zu Hause machen, was wir vor der Kamera veranstalten.“

Dass Frauen in den Porno-Filmen als immergeile Luder dargestellt werden ist Fakt. Nicht nur FeministInnen nehmen daran Anstoß, dass die Frau dabei zur bloßen Fickmaschine erniedrigt wird. Dadurch, so die berechtigte Annahme, wird dem Dauerkonsumenten ein reichlich schiefes Frauenbild eingebläut. Männer dient der Porno als Wichs-, Paaren eher als Inspirationsvorlage, beiden Gruppen ist aber meist klar, dass das fiese Löcherstopfen kein Abbild der Realität, sondern geiler Traum ist. Und alleinstehende Frauen? Die sind entsetzt über den gefühls- und phantasielosen Geschlechtsakt, sehen sich aber nicht in der Opferrolle, in die sie die alternde Emanzipationsbewegung stecken will.

Wie würde ein Porno aussehen, indem Kelly Regie hätte? „Viele weniger, na, du weißt schon, und viel mehr Erotik.“ Eigentlich ist Kelly schüchtern und die Hardcore-Jahre haben das nicht ändern können. Immer wenn sie ein Igitt-Wort in den Mund nehmen muss, flüchtet sie sich in Umschreibungen. Aber zunächst folgt die nächste höchst investigative Frage der Dame von Coupe: „Hast du einen Dildo zu Hause?“ „Nein“, sagt Kelly.

Aufgrund ihrer kinematisch dokumentierten, tiefgehenden Erfahrungen dient sie ihren Fans immer wieder als Beichtmutter. Freudig erzählt Kelly von einer unglücklichen Frau, deren Mann schwer abgetörnt davon war, dass die Frau, wie Kelly es ausdrückt, „beim Oralverkehr nicht…, na ja, du weißt schon, die wollte nicht…, na, halt das ganze Programm, du weißt schon…“ Leichte Unruhe in der Sofarunde bis jemand den Satz beendet: „…schlucken wollte?“ Erleichterung ringsum, Kelly errötet.

Der Deutsche Bürger ist von allen Europäern am meisten an Porno-Seiten im Internet interessiert, im Monat klicken rund 5 Millionen Lustbolzen zwischen Nordsee und Alpen auf triefende Webseiten. Die deutsche Hardcore-Film-Branche wirft monatlich mindestens 600 neue Produktionen auf den Markt, auch damit ist man europaweit führend. Und noch eine Zahl zeigt das Ausmaß der Katastrophe für Süßmuth, Schwarzer & Co.: Die braven Deutschen sind nach den USA zum weltweit zweitgrößten Verbraucher von Erotikartikeln aufgestiegen.

Allgegenwärtiger Sex, das ist weniger Zeichen für „Gewalt gegen Frauen“, wie dies die Emma-Fraktion annimmt, die Sexualisierung der Gesellschaft ist zum einem Zeichen ihrer Trivialisierung, zum anderen Nebenschauplatz eines ausgedehnten Körperkults. Voyeurismus und Selbstdarstellung halten diverse TV-Talkshows am Leben, und am lautesten johlt die Menge, wenn es um Ficken, Lecken, Blasen geht. Eine ganze Reihe von Fitness-Männerzeitschriften lebt nur vom Wunsch der Leser nach Oberkörperverbreiterung und Schwanzverlängerung.

Für Kelly Trump sind dies dagegen Zeichen dafür, „dass alles viel offener geworden ist und die Leute viel lockerer mit Sex umgehen“. Wo früher noch „alte Opas mit Fotoapparaten“ auf den Sex-Messen rumgerannt seien, wären dort heute vor allem Paare zu sehen. So oder so, das Wort „Moral“ ist heute keine Grundlage mehr für die Bewertung, ob etwas noch Erotik oder schon Pornographie ist. Höchstens die Ästhetik wird zur Abwehr herangezogen, ansonsten gilt der postmoderne Schlachtruf des „Erlaubt ist, was gefällt“.

Sicher ist: Die Arbeit mit halberigierten Penissen in Big-Mac-Stellungen ist anstrengend, vielleicht sogar aufzehrend. Auch Fußballer wechseln später, dann, wenn die Knochen nicht mehr mitspielen, gerne auf die Trainerbank oder in den Vorstand. Oder sie übernehmen eine Lotto-Toto-Annahmestelle. Auch Kelly Trump muss ein paar Gänge zurück schalten. Aber sie bleibt blinder Zeuge der Einsamkeit in deutschen Wohnzimmer und wird wenige, aber dankbare Abnehmer finden.
Jörg Auf dem Hövel

 

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


*