Wie man aus dem Kino herausgeführt wird

Denn entscheidend ist, wie man aus dem Kino herausgeführt wird

Glattgebügelt in einem neuen Kino-Palast

Die Erscheinung der übergroßen Kino-Center ist ein neues Übel der Großstadt. Das sollte jedem konservativen und vorurteilsfreudigen Menschen schon klar sein, bevor er zum ersten Mal so einen Glaspalast betritt. Verirrt er sich dennoch in den medialen Tempel -meist weil Freunde ihn überredet haben- schlägt ihm die ganze Macht der arroganten Architektur des Größenwahns entgegen. Der riesige Raum mit seinen fünf bis zehn Kassenhäuschen erinnert nicht umsonst eher an eine Kirche denn an ein Schmuddelkino auf dem Kiez. Der gläubige Kunde wird in erster Linie durch das Gesamtereignis beeindruckt und geblendet, der Film an sich tritt dabei mehr und mehr in den Hintergrund. In dieser Atmosphäre soll sich keiner wohl fühlen, vielmehr durch sakrales Design zu Demut angehalten werden. Deutet man es positiv, hat der Film schon angefangen bevor man im Saal sitzt.

Ohne Karte kein Einlass. Richtig warm um´s Herz wird dem Kino-Freund, wenn er nicht mehr in intimen Kontakt mit dem Kassierer treten muss, weil eine Glasscheibe die beiden Mitmenschen trennt. Ein Lautsprecher brüllt die metallenen Preise und die Geldscheine werden durch eine antiseptische Schleuse in das Innere der Kammer gesogen. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis endlich der ineffektive Faktor Mensch gegen vollautomatische Karten-Raus-Rotz-Geräte ersetzt wird. Per Rolltreppe schwebt man dann auf die nächste Ebene. Hier riecht es ebenso wie unten, nämlich nach rein gar nichts. Selbst die Luft aus der Fresstheke gerät nicht an die Nasenhärchen, wird sie doch von der strengen Klimaanlage zügig ins Freie geblasen. Die Taco-Chips und der Popcorn schmecken leider recht ähnlich. Da hilft selbst das Bier nicht weiter, welches hier wie das Junk-Food in den Größen „Medium“ und „Large“ angeboten wird. Eine mittelschwere Zumutung für jeden norddeutschen Geniesser. Amerika, ganz unten.

Die Krönung kulinarischer Begleitgenüsse ist allerdings die rosa Rotunde. In diesem Neon-Pavillion wartet aufgeschäumter Zucker auf seine Einnistung in Zahnlücken. Ihr Dasein verdanken diese Gummibärchen-Abkömmlinge der chemischen Industrie, die wahrscheinlich auch noch die speziellen Neon-Röhren stiftet, welche die Szenerie wie einen Gruselfilm im Cyberspace ausleuchten.

Nun ist es aber keineswegs so, dass sich das Publikum in diesem Ambiente unwohl fühlt. Wo Großeltern denken würden, sie wären in der Zukunft gelandet, gleitet das moderne Klientel butterig durch. Dies ist auch nicht schwer, denn die Metamorphosen dieser Menschen halten ständig mit den glatten Oberflächen des Interieurs Schritt: Allen gemeinsam ist ihre strikte Abneigung gegenüber Naturfasern. Nur Aramid-Gewebe und andere Techno-Fasern haften auf den Noch-Körpern dieser Mutanten des WWW. Schwarz, früher noch modische Farbe des existenziellen Widerstands (Sinnlosigkeit macht Nichts), später Ausdruck von Friedhofssymphatisanten (Nichts macht Sinn), ist zum Ausdruck des virtuellen Chimäre (Nichts ist Macht) geworden. Und gerade so, wie der vorherige Satz keinen Sinn macht, rülpst die Hollywood-Maschine mit ihren ewigen Märchen von Gut und Böse immer öfter Filme ohne Anleihen am Logos aus. Leinwandgröße suggeriert Qualität des Films, aber in den Sitzen lässt es sich wahrlich aushalten. Vorbei die Zeiten, in denen man sich nach eineinhalb Stunden Terence Hill und Bud Spencer wie nach einem Atlantikflug fühlte. Wie gut das betreibende Kino-Konsortium es mit ihrer Kundschaft meint, merkt der werte Besucher erst am Ende des Films. Dann nämlich heisst es Abschied nehmen von den demütigen Gedanken an die Glitzer-Welt des Eingangsbereich. Aus dem Prachtsaal heraus geleitet, stolpert man -noch visuell benommen- durch ein vielstufiges, unverputztes Treppenhaus, bevor man durch eine Feuerschutztür auf einem Parkplatzacker mit metertiefen Pfützen landet. Der Ausblick ist großartig, gibt er doch den Blick auf eine Hochhauskolonie frei, deren Bewohner sich zum Teil weder eine Kino-Karte noch die überteuerten Fresssalien leisten können. Welcome to the real world!

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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