Koffein – Ein Streckbrief

Aus dem Hanfblatt, Nr. 106, März 2007

Extrakt eines Koffein-Junkies

Eine subjektive Kurzbilanz der Möglichkeiten und internationale Topologie des beliebten Wachmachers

Ja, ich bin koffeinabhängig, und das ist auch gut so. Ja, ich konsumiere Koffein, auch wenn mich die nervositäts- und gereiztheitsfördernde Wirkung gelegentlich ebenso nervt, wie die sich vehement artikulierende Darmperistaltik, die Rumpelkammer im Magen, Sodbrennen und saures Aufstoßen, das ungeile Körpergefühl, die schlechte Durchblutung von Haut und Extremitäten, die Stauung in den Krampfadern, die Blähung der Hämorrhoiden, der Kopfdruck bis hin zum Kopfschmerz, die vielen unangenehmen Nebenwirkungen, die bisweilen auftreten können. Ja, manchmal erreiche ich durch die Einnahme überhaupt nicht, was ich erzwingen will, werde schlapp und todmüde anstatt aufgeputscht, laberfreudig, konzentriert und wach. Ja, ich habe Angst vor dem Entzug, ein oder zwei Tagen bohrenden Kopfschmerzen und einem tagelang anhaltenden Gefühl der Mattigkeit und dem wiederkehrenden Gedanken, jetzt was mit Koffein, das wärs, und die kommende Zeit bin ich gerettet, besonders morgens und mittags und nachmittags und am frühen Abend. Ja, wenn ich es mal zur Abstinenz schaffe, dann baue ich regelmäßig meine von langer Hand geplanten Rückfälle. Ja, ich war in den letzten zwei Jahrzehnten nie länger als ein ganzes Jahr koffeinabstinent. Oha, und das mach mir erst mal einer nach.

Ich kenne praktisch keine Koffeinabstinenzler. Denn Koffein ist in zahlreichen Pflanzen und Produkten enthalten. Und man kann sie jederzeit konsumieren ohne strafrechtliche Konsequenzen dafür befürchten zu müssen, auch auf der Arbeit oder im Straßenverkehr. Kein Lebensabschnittspartner zwingt mich mit meiner Tasse Koffein-Dröhnung auf den zugigen Balkon. Niemand schnappt mich und führt mich in Handschellen ab, wenn ich von meinem Koffein-Dealer ein Pfund fein gemahlenen Stoff nach Hause trage um mir einen Schuss (Espresso) zuzubereiten. Überall kann ich problemlos Nachschub besorgen, notfalls an der Tanke. Ja, als Koffein-Junkie bleibt es allein mir überlassen, was ich wann, wo und wie zu mir nehme. Herrliche Zeiten, wurden doch einst Koffeinkonsumenten eingesperrt, verstümmelt oder umgebracht. Wobei sich schon wieder mancherorts so etwas in dieser Richtung herauszukristallisieren scheint, wenn es um die Reinsubstanz, den Stoff auf dem das aufgeregte Zittern basiert, das Koffein, geht. In der Volksrepublik China, dem Land des Tees und in Folge des lokalen Wirtschaftswunders neuerdings auch begeisterter stylischer Kaffeetrinker, wird das reine Koffein als gefährliche Droge klassifiziert.

Ein Potential für Denunziatoren bietet sich also auch wieder beim Koffein. Bis dato zapft man in erster Linie Steuern aus der Leidenschaft für den banalen zerebralen Treibstoff des materialistischen Arbeits- und Konsumalltags, zu dem sich die einst in rituellen Kontexten mit spirituellen oder das Sozialleben fördernden Intentionen eingenommenen Koffein-Drogen entwickelt haben. Und ich bin einer von Vielen, einer unter Gleichen, einer von Euch. Auch wenn wir selbst untereinander den Grad unserer Abhängigkeit gerne leugnen, wissen wir doch im Grunde alle Bescheid: Ohne unser Käffchen, unseren legalen Kick, unser Koffein-Äffchen, wollen und können wir nicht sein. Warum auch? Man gönnt sich doch sonst nichts! Jeder hat seine individuelle Suchtgeschichte. Mit Muttermilch fing alles an.

Mate (Ilex p.) im Supermarkt Salta, Argentinien, 2008

Mate (Ilex p.) im Supermarkt Salta, Argentinien, 2008

 

Ich weiss noch, wie ich von einem Klassenausflug aus dem Hamburger Freihafen meine ersten grünen Kaffeebohnen mitbrachte. Die röstete ich zu Hause im Topf auf der Herdplatte, mahlte sie mit Omas alter Kaffeemühle, dann wurde frisch aufgebrüht und -voila- mein erster Filter-Kaffee war fertig, zu meinen Geschmacksknospen zwar nicht gerade zärtlich, aber in seiner natürlichen Vollkommenheit unvergeßlich, der Beginn einer großen Leidenschaft. Filter-Kaffee ist meines Erachtens immer noch die beste Art und Weise den Charakter eines guten Arabica-Kaffees zu erkennen. Man unterscheidet nach Ländern und Provenienzen, teilweise auch nach Plantagen. Aus vielen Tropenländern kommen exzellente Kaffees, besonders aus Guatemala, Kolumbien, Äthiopien und Indonesien. Zu den auf Grund ihrer geringen Produktionskapazität raren und wegen ihrer hohen Qualität besonders nachgefragten und daher teuren Kaffees zählen der Jamaica Blue Mountain, ein geradezu idealer Kaffee, der von der Insel Kona (Hawaii), eher sanft und abgerundet, Kaffee von den Galapagos-Inseln (Ecuador) und St.Helena.

Seit dem Kaffeespezialitätenboom in den Neunzigern tauchen immer neue Spezereien auf. Der von wilden Kaffeebäumen stammende Waldkaffee aus Äthiopien ist eine dieser interessanten Entdeckungen. Was leider die Ausnahme bleibt, sind ökologisch verträglich angebaute und fair gehandelte Kaffees. Initiativen für diese Richtung sind unbedingt zu unterstützen. Diese sollten aber nie die Qualität aus dem Auge verlieren. Geschmack und Wirkung müssen einfach optimal sein. Ein schlechtes Gewissen allein ist kein guter Konsumratgeber und nichts worauf man auf Dauer verbesserte ökonomische Verhältnisse aufbauen kann.

Wenn Kaffee wirkungstechnisch das „Crack“ unter den Koffein-Drogen ist, dann ist Guarana das „Speed“. Eine sanftansteigende und relativ langanhaltende Wirkung versprechen die gerösteten und gemahlenen Samen dieser brasilianischen Regenwaldliane (Paullinia cupana). Ein Teelöffel des hellbraunen feingemahlenen Guarana-Pulvers mit Bourbonvanille-Rohrohrpuderzucker vermengt und in einem Becher kalter Bio-Vollmilch eingerührt bilden ein köstliches Getränk. Beim Guarana gibt es aber leider erhebliche Qualitätsunterschiede. Gutes Guarana ist nicht zu dunkel geröstet, riecht nicht muffig oder gar schimmelig und schmeckt auch nicht erdig oder holzig, sondern leicht bitterlich scharf mit einem ganz eigenen leckeren Aroma. Auch der Wirkungsbogen ist wie beschrieben, bei schlechteren Qualitäten jedoch deutlich kürzer und entweder schwächer oder nervöser. Ich muss zugeben, dass ich trotz jahrelangen Konsums selten überzeugende Qualitäten bekommen habe. Eine Probe einer Kosmetikzubehörfirma, die für mich behördlich analysiert wurde, enthielt gar ein ganzes Potpourrie an Schimmelarten. Der Dilettantismus bei Einkauf und Lagerung hat zu einem nachlassenden Ruf beim Guarana geführt.

Ende der Achtziger marktschreierisch angepriesen und überteuert verkauft, findet man Guarana jetzt häufiger als Bestandteil in Lebensmitteln oder in Pharmapräparaten als als Reinsubstanz zur eigenständigen Getränkezubereitung, traurig eigentlich. Brasilianische mit Guaranaextrakten aromatisierte Limonaden stellen übrigens schon lange eine passable Alternative zu Cola-Getränken dar. Man denke zum Beispiel an „Brahma-Guarana“ oder „Guarana-Antarctica“, die 2006 die schlappe brasilianische WM-Fußballmannschaft sponsorten.

Aus Südamerika stammt auch Mate, ein Heißwasseraufguß der getrockneten oder gerösteten Blätter des Mateteebaums (Ilex paraguariensis). Traditionell wird Mate mit Lippenverbrennungsrisiko für Ungeübte durch ein Metallröhrchen mit eingebautem Sieb, der Bombilla, aus einem kleinen Kalebassenkürbis getrunken. Diese Paraphernalia stellen beliebte Mitbringsel für Reisende zwischen Südbrasilien und Argentinien dar. Trotz postulierter Gesundheitsvorteile und wiederkehrender Werbekampagnen hat sich das zwar koffeinhaltige aber nicht besonders aufregend schmeckende Getränk keinen nennnenswerten Markt jenseits der Reformhäuser erobern können. In Teemischungen taucht es dagegen regelmäßig auf, und mit dem erfrischenden „Club-Mate“, einem zuckerhaltigen Kaltgetränk auf Mate-Basis steht Feierwütigen eine angenehme Alternative zu Cola-Getränken zur Verfügung.

Ähnlich von Wirkung und Geschmack, aber wesentlich obskurer ist Guayusa. Die Blätter des Guayusa-Baumes (Ilex guayusa) kann man zu kleinen Bündeln zusammengefasst in Kräutergeschäften in Ekuador erwerben. Von einem Volksgenussmittel kann man bei Guayusa allerdings nicht sprechen. Es handelt sich um ein Heilkraut, dass von diversen indigenen Stämmen der Region rituell eingenommen wird. Dabei wird auch die in größerer Menge getrunken brechreizbefördernde Wirkung zur inneren Reinigung genutzt.

Jenseits seines Vorkommens praktisch unbekannt ist Yoko, nein nicht Ono, sondern Yoco, die Rinde der Stengel der in Kolumbien und Ekuador spriessenden und mit Guarana verwandten Dschungel-Liane Paullinia yoco. Das Besondere an Yoko ist, dass aus der Rinde ein Kaltwasserauszug bereitet wird. Verwendet wird das wildwachsende frische Yoco als morgendliches Aufputschmittel. Dabei stellen die von Yoco begeisterten Stämme einen anscheinend besonders viel Koffein enthaltenden Auszug her. Die Liane soll sehr langsam wachsen und dürfte sich somit einer kommerziellen Nutzung widersetzen.

Die Edelste unter den Koffeinpflanzen ist der Tee (Camellia sinensis). Der aus Südchina stammende Baum, der über tausend Jahre alt werden kann, wird im kommerziellen Anbau in der Regel so zusammengestutzt, dass man ihn gemeinhin nur als Teestrauch kennt. Auf Bergen angelegte Teeplantagen gehören zu den landschaftlich reizvollsten Monokulturen. Wie aber auch bei Kaffee und Kakao ist die Geschichte des Teeanbaus in weiten Teilen und in vielen Regionen bis zum heutigen Tag auch eine Geschichte der Ausbeutung von Mensch und Natur. Tee ist ohne Zweifel die vielseitigste der Koffeindrogen. Durch verschiedene Verarbeitungsmethoden gibt es ein breites Spektrum an Produkten mit unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen und auch Koffeingehalt. In Ostasien, ausgehend von China über Korea, aber zur Perfektion verfeinert in Japan, hat sich eine einzigartige Teekultur entwickelt, die den Genuss zur spirituellen Erfahrung werden lassen kann.

Die größte Vielfalt des Tees als Produkt lässt sich zweifelsohne in der Volksrepublik China erfahren, vom bei hohen Qualitäten jahrelang lagerbaren und nur schwach Koffein-haltigen Pu-Erh-Tee aus Yunnan über weiße, gelbe, rote und schwarze fermentierte Tees bis zu legendären Grüntees, wie den leider wie allgemein verbreitet meist mit Pestiziden gespritzten berühmten Longjing-Tee vom Westlake, der frisch geerntet in heißen Pfannen getrocknet wird, und dessen bessere Qualitäten bereits vor Ort 60 Euro pro 100 Gramm kosten. 100 Gramm der Spitzenblätter einiger alter kaiserlich ausgezeichneter Longjing-Teesträcher wurden 2005 gar für knapp 14.500 Euro ersteigert. Für 3 Gramm über 60 Jahre gelagerten Pu-Erh-Tee zahlte ein chinesischer Liebhaber knapp 1.000 Euro. Hier kennt die Narretei also genauso wenig Grenzen wie unter Weinfreunden. Wer wirklich stimuliert werden möchte, sollte qualitativ möglichst hochwertigen Grüntee trinken oder sich auf halbfermentierten Oolong-Tee einlassen. Taiwan bietet exzellente Qualitäten. Relativ viel dieses Tees wird mehrfach hintereinander aufgegossen, aber immer nur für kurze Zeit ziehen gelassen. So erhält man ein maximales Geschmackserlebnis und dabei eine ordentliche Dosis Koffein. Die aufgegangenen Blätter sind obendrein ein Augenschmauß und lassen weitere Schlüsse über die Qualität zu. In der Regel gelten die früh im Jahr gesprossenen obersten Blätter mit Triebspitze als Topqualität. In den auf Massenproduktion von Schwarztee ausgerichteten Ländern wie Sri Lanka hat man vor Ort dagegen oft Schwierigkeiten auf die Schnelle wirklich gute Qualitäten zu finden. Das Meiste geht zur Devisengewinnung in den Export. Wie bei Kaffee bleiben oft nur schlechtere Qualitäten im Land.

Noch deutlicher kann man dies beim Kakao erfahren. Dieser aus Mittelamerika stammende Baum (Theobroma cacao) liefert Früchte mit einem leckeren weißen an Litschis erinnernden aber schleimigen Fruchtfleisch, das den einheimischen Kindern in einer Plantage auf Java, durch die wir in den Achtzigern spazierten, wohl mundete. Was man allerdings aus den darin enthaltenen Kakaosamen in den reichen Ländern herstellt, nämlich Schokolade, das kannten sie nicht. Das was damals an Schokolade in diesen Anbauländern erhältlich war, war ein äußerst bescheidenes und für einheimische Verhältnisse sehr teures Angebot importierter harter tropentauglicher Ware für westliche Reisende. Man stelle sich derartige Verhältnisse einmal für den Weinanbau am Rhein vor. Andererseits hat dagegen Mexiko als Heimatland des Kakaos eine richtige Trinkschokoladenkultur mit spezialisierten Geschäften, die köstlich nach geröstetem Kakao duften, und die zu erkunden sich unbedingt lohnt. Man vergleiche ihre Produkte aber nicht mit der mittlerweile exaltierten Schokoladenspezialitätenkultur, wie sie sich seit den Neunzigern besonders in Mitteleuropa etabliert hat. Es bringt sicherlich Spaß auch im Kakao immer neue abenteuerliche Geschmacksrichtungen zu entdecken, aber ob sich dieser Trend langfristig wird halten können, bleibt abzuwarten. Schokoladengeniesser sollten diese Welle, die bis in den letzten Supermarkt geschwappt ist, ruhig auskosten. Der Koffeingehalt von Schokolade ist gering. Wenn man allerdings Koffein-abstinent lebt und dann eine Tafel Bitterschokolade verspeist, wird man durchaus einen Effekt vergleichabr einer Tasse Tees oder Kaffees verspüren können. Leider bekomme ich von manchen gerade auch teuren Bitterschokoladen ausgeprägte migräneartige Kopfschmerzen.

Die letzte bedeutende koffeinhaltige Pflanze ist der Kola-Baum (Cola ssp.). Seine frischen rotbraunen oder weißen Samen spielen im kulturellen Leben Westafrikas eine wichtige Rolle. In afrikanischen Geschäften kann man die frisch eingeflogenen „Kolanüsse“ („Colanuts“) bisweilen günstig kaufen. Man muss sie dann entweder baldigst kauen (ein Viertel bis ein Drittel einer Samenhälfte dürfte fürs Erste genügen), zügig trocknen oder in Schnaps einlegen um sie haltbar zu machen. Ein Enzym sorgt für schnelle Rotbraunverfärbung an der Luft. Auf Grund des Feuchtigkeitsgehaltes sind die Samen sehr schimmelanfällig. Im getrockneten Zustand gilt das schon für Guarana Gesagte. Vorsicht vor Schimmel und dergleichen! Kolanüsse enthalten zwar ziemlich viel adstringierende Gerbstoffe und bedeutende Mengen des bitteren Koffeins, haben aber auch korrekt verarbeitet ein charakteristisches Aroma. Sie dürfen nicht muffelig oder pilzig riechen oder schmecken. Nicht umsonst werden sie seit über hundert Jahren zum Aromatisieren von Erfrischungsgetränken benutzt. Der Koffein-Gehalt von Kola-Getränken und den meisten Kola-Zubereitungen (Schokakola, Kola-Dallmann usw.) basiert allerdings auf künstlich zugesetztem Koffein. Würde man ganz auf Kola-Samen setzen, wäre das Produkt auf Grund der einzusetzenden Menge möglicherweise ungenießbar. Einer meiner besten Liköre basierte auf frischen weißen und roten Kolasamen in Wyborowa-Wodka fein vermahlen, mit Bourbon-Vanille angesetzt und ziehen gelassen, dann abgefiltert und mit Ahorn-Sirup verfeinert. Lange Zugzeiten und diverse Nachfiltrationen nahmen ihm seine Gerbstofflast, aber beließen das charakteristische Aroma und eine Up-up-in-the-sky-Koffein-Potenz bei einer wunderbar klaren rotbraunen Farbe.

Wer nach Koffein giert, kann mittlerweile auf eine enorme Palette an angereicherten Bonbons, sogenannten „Energy“-Getränken und medizinischen Präparaten, die den schnellen Kick versprechen, zurückgreifen. Percoffedrinol (50 mg, bis Anfang 1984 noch zusätzlich mit 13 mg Ephedrin HCl pro Tablette!) und Coffeinum-Tabletten (200mg pro Tablette) sind reine Koffein-Präparate. An Koffein führt kein Weg vorbei. Und wer sich fragt, was Koffein aus uns macht, der greife einmal zu dem amerikanischen Kult-Comic „Too Much Coffee Man“ von Shannon Wheeler. Beissender und pointierter kann man das neurotisch-wahrhaftig-wahnhaftige Kreisdenken eines archetypischen Koffein-Addicts wohl kaum darstellen.

 

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