Marihuana Mythos 10: „Immer mehr Menschen werden wegen Marihuana-Konsum ins Krankenhaus eingeliefert“

Hanf

Marihuana Mythen

Teil X

Ja, ja, was nehmen wir nicht alles in Kauf für die Aufklärung. Mittlerweile klärt das HanfBlatt in der zehnte Folge über Mythen rund um die Cannabispflanze auf. Und noch ist kein Ende in Sicht! Der Erfolg der Arbeit lohnt die Mühe, denn der wahre Hanf kommt zum Vorschein, entkleidet aller bewußt oder unbewußt gesäten und gewachsenen Behauptungen. Wie sieht es nun tatsächlich aus: Welchen Nutzen und welche Schäden kann der Konsument von Cannabis aus den pflanzlichen Wirkstoffen ziehen? Wo liegen Gefahren für Körper und Geist, wo Chancen für ihre Genesung? Im zehnten Teil der Serie geht es um den Mythos:

„Immer mehr Menschen werden wegen Marihuana-Konsum ins Krankenhaus eingeliefert“

Um zu beweisen, daß Marihuana eine gefährliche Droge ist, führen die Gegner einer Legalisierung aus, daß immer mehr Kiffer ins Krankenhaus eingewiesen werden. Liegen tatsächlich vermehrt verwirrte Gestalten sabbernd in den Betten der Hospitäler? Führt der Genuß von Hanfharz zum delirösen Zustand, der oft den Anruf beim Notarzt zur Folge hat? Schon aus der Polemik wird klar, welche Meinung der Autor hat, aber folgen wir doch lieber brav

 

DEN FAKTEN

 

Der Ursprung dieses Mythos liegt -wie so oft- in den Vereinigten Staaten von Amerika. Hier sammelt das „Drug Abuse Warning Network“ (DAWN) Daten aus den Krankenhäusern. DAWN behauptet nun, daß immer mehr junge Menschen in den neunziger Jahren ein Spital aufsuchten, um Hilfe gegen ihren akuten Marihuana-Rausch zu suchen. Das Personal der Häuser füllt für jeden Patienten einen Fragebogen aus, auf welchem auch nach dem Konsum irgendwelcher Drogen gefragt wird. Eine Auswertung dieser Bögen ergab, daß im Jahre 1990 15.706 Menschen angaben, sie hätten Marihuana geraucht oder gegessen. Das sind 7.1 Personen bei einer Population von 100 Tausend. Dieser Anteil stieg bis 1993 auf 29.166 (immerhin 12.7 per 100 Tausend). Auf Basis dieser Zahlen sprach DAWN von einem Anstieg von 86 Prozent. Die Veröffentlichung sorgte für Aufruhr in den USA und wurde von den Prohibitionisten ausgenutzt, um den „Krieg gegen die Drogen“ weiter zu rechtfertigen. Nimmt man jedoch 1988 als Ausgangsbasis, das Jahr indem die Erfassung der Bögen begann, entsteht ein anderes Bild. Damals wurden 19.962 Konsumenten gezählt, somit stieg die Zahl bis 1993 um „nur“ 42 statt 86 Prozent. Verstanden?

Und noch etwas ist wichtig: Marihuana ist nach wie vor die am wenigsten genannte Drogen unter den illegalen Substanzen. Kokain und/oder Heroin-bedingte Aufenthalte sind öfter zu verzeichen, als die von Kiffern. Und in der Altersgruppe zwischen 6 und 17 Jahren lag der Anteil derjenigen, die Schmerzmittel eingenommen hatten, sogar erheblich höher. 6.4 Prozent gaben an, Marihuana genossen zu haben, bei 47 Prozent schwirrten (legale) Schmerzmittel durch die Blutbahn.

Äußerst selten gelangen Bürger und Bürgerinnen ins Lazarett, die nur gekifft hatten – zumeist spielten andere Substanzen eine Rolle. In mehr als 80 Prozent der Fälle spielen weitere Drogen eine Rolle und bei mehr als 40 Prozent nannten die Berauschten sogar zwei oder mehr „Rauschgifte“, die sie sich zugeführt hatten.

Überhaupt ist es falsch zu behaupten, daß immer mehr verwirrte Kiffer über desinfizierten Gänge irren: 1992 gaben über 430 Tausend Menschen in den USA Drogenkonsum bei ihrer Einlieferung ins Krankenhaus an. Nur etwa 4000 davon -also ein Prozent- hatten nur Marihuana konsumiert.

Nachdem die Zahlen interpretiert wurden, noch ein paar allgemeine Worte: Natürlich gibt es Menschen, die auf die Inhaltsstoffe des Hanfs allergisch reagieren – dies ist aber äußerst selten der Fall. Raucht man dem Hanf, so ist es fast unmöglich ihn dahingehend zu dosieren, daß er einen in Lebensgefahr bringt. Ärzte und Wissenschaftler kenne eine recht genau Richtlinie, wie sicher eine Droge bzw. ein Medikament ist. Die Bezeichnung LD50 gibt an, wieviel von einer Substanz aufgenommen werden muß, daß sie tödlich wirkt. Der Wert von Marihuana ist dort so hoch, daß man schon ein pakistanisches Hanffeld abgrasen müßte, um über den Jordan zu schweben. Gras ist sehr viel sicherer zu nutzen als beispielsweise Alkohol, Tabak oder Koffein. Paul Hager von der ICLU Drug Task Force (Indiana Civil Liberties Union), eine us-amerikanischen Reformbewegung, nimmt an, daß der Faktor zwischen „stoned“ sein und tödlicher Dosis bei 40 Tausend liegt. Um ins Gras zu beißen, anstatt es nur zu genießen, müßte ein Konsument also 40 Tausend mal so viel wie bei einem normalen Rauscherlebnis aufnehmen. Das dürfte selbst für Hardcore-Kiffer aussichtslos sein. Und J.C. Garriott kam schon 1971 zu der Schätzung, daß 800 Joints inhaliert werden müßten, um das Zeitliche zu segnen.

Cannabiskonsum kann in seltensten Fällen eine Psychose auslösen – wohlgemerkt nur bei denjenigen, die ohnehin psychotisch veranlagt sind. Wie Hans-Georg Behr, Autor des Buches „Von Hanf ist die Rede“, in seiner ihm eigenen Art sagt: „Natürlich, wenn jemand schon in einer Psychose ist und glaubt, er kann sich durchs Kiffen heilen, wird das nicht funktionieren.“

Warum, so kann man sich nun fragen, landen Menschen nach Haschisch oder Marihuanakonsum in der Aufnahme eines Hospitals? Die offensichtlichste und sofort eintretende Wirkung von Cannabis ist eine schnelle Steigerung des Herzschlages. Diese läßt zwar innerhalb einer Stunde wieder nach – der sensible Nutzer reagiert unter Umständen aber panisch auf diesen Umstand und liefert sich den Damen und Herren in den weißen Kitteln aus.

Beeindruckender als die körperlichen werden im allgemeinen die psychischen Veränderungen empfunden. Im Marihuana-Rausch kann es unter anderem zu einer Depersonalisation kommen. Was das ist? Das Lexikon beschreibt dies als

„Zustand der Entfremdung gegenüber dem eigenen Ich und seiner Umwelt.“ Die Handlungen und Erlebnisse des Ich werden wie aus einer Zuschauerrolle beobachtet. Diese Auflösung des Ich kann als angenehm empfunden, aber auch als unerwünschte Wirkung interpretiert werden. Traumartige Sequenzen nehmen bösartige Formen an, Mann oder Frau fühlt sich unwohl, konfus, desorientiert, ja teilweise panisch. Angst (…immer ein schlechter Berater…) schleicht sich in die Psyche ein und vorbei ist es mit den Freuden des Rausches; die Grenzen zur Paranoia sind fließend. Wenn dann kein guter Freund in der Nähe ist, der für eine Stimmungsaufhellung sorgt, hofft man auf professionelle Hilfe. Ob die Neon-Beleuchtung einer Notaufnahme allerdings das richtige Ambiente für ein „Runterkommen“ bietet, wird mit Recht bezweifelt. Es wird vermutet, daß gerade Erstbenutzer des Rauschhanfs mit den ungewohnten Effekten des Krauts nicht umzugehen wissen und eine eher schlechte Abfahrt erleben können. Innere Einstellung (Set) und äußere Einflüsse (Setting) müssen halt stimmen. Die momentan noch immer herrschende Illegalität der Genußsituation beeinflußt Set wie Setting eher negativ.

Jörg Auf dem Hövel

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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