Marihuana Mythos 13: „Marihuana ist eine Einstiegsdroge“

Hanf

Marihuana Mythen

Teil XIII

Natürlich besitzen Mythen einen Sinn. Sie geben uns Sicherheit in einer verwirrenden Welt, erklären das Unerklärbare, vereinfachen das Komplexe. Aber was nützt all dies, wenn sie schlichtweg falsch sind? Wenn sie der neuen wissenschaftlichen Forschung nicht mehr Stand halten können? Dann gilt es Abschied zu nehmen. Auch um die Marihuana-Pflanze ranken sich allerlei Mythen. Wie sieht es aus: Welchen Nutzen und welche Schäden kann der Konsument von Cannabis aus den pflanzlichen Wirkstoffen ziehen? Wo liegen Gefahren für Körper und Geist, wo Chancen für ihre Genesung? Diese Serie klärt auf – dieses mal mit der Behauptung:

„Marihuana ist eine Einstiegsdroge“

Gabriel Nahas schreibt in der 1990 veröffentlichten fünften Ausgabe seines Werkes „Keep Off the Grass“, daß mittlerweile wohldokumentiert sei, daß Cannabis im Gehirn biochemische Veränderungen verursache, die den Konsumenten dazu verleiten andere, härtere Drogen auszuprobieren. Seit Jahrzehnten behaupten er und andere Forscher, daß Hanf eine Einstiegsdroge sei. Wer mehr oder weniger kifft, würde irgendwann automatisch mit Substanzen wie Kokain oder Heroin experimentieren. Legalisierungsgegner argumentieren aber nicht nur mit pharmakologischen, sondern auch mit sozial-psychologischen Erklärungsansätzen.

Nach Karl-Ludwig Täschner wirkt der Konsum von Cannabis gewohnheitsbildend und verfestige abhängige Verhaltensweisen. Um sich noch einen größeren Kick zu verpassen, sei der Griff zur Nadeln dann nicht mher fern.

DIE FAKTEN

Ist der Weg für den Rauschhanfliebhaber vorgezeichnet? Geht er oder sie Belastungen des Alltags immer mehr aus dem Weg? Wird das Verlangen nach immer stärkeren Manipulationen des Bewußtseins immer größer? Schon mit gesundem Menschenverstand kann das bezweifelt werden, denn Kokain oder Heroin bieten nicht unbedingt eine Steigerung der Cannabis-Wirkung. Die empirischen Fakten sprechen zudem eindeutig gegen diese Behauptung, denn nur ein winziger Teil der Kiffer steigt auf härtere Drogen um. Wohl haben in Deutschland 95 Prozent der Heroinkonsumenten früher Cannabis geraucht, 95 Prozent der Cannabiskonsumenten greifen aber nicht auf härter Drogen zu. Hans-Harald Körner, Verfasser des Standardkommentars zum Betäubungsmittelgesetz, schrieb denn auch schon vor drei Jahren: „Stellt man die geschätzte Zahl der Cannabiskonsumenten von vier Millionen in der Bundesrepublik der geschätzten Zahl von 100.000 Heroinkonsumenten gegenüber, so erkennt man schnell, daß Cannabis nicht zu Heroin führt.“ Für Amsterdam stellen Peter Cohen und Arjan Sas fest, daß 75 Prozent der Kiffer gar keine anderen Drogen probierten. Und das bei freier Verfügbarkeit von Hanfprodukten in Holland.

Und noch ein Beispiel: In Dänemark, einem Land mit überproportional vielen Kiffern, ist der Anteil der Konsumenten harter Drogen nur durchschnittlich.

In den USA stehen die Statistiken von Kokain- und Marihuana-User ebenfalls in keinem Zusammenhang. Der Kokaingebrauch stieg Anfang der 80er Jahre an – in dieser Zeit ging die Zahl der Kiffer zurück. Während der letzten Jahre ging die Zahl der Kokser zurück und mehr Leute rauchten wieder Gras. Seit 1974 wurden kiffenden High-School Schüler befragt, ob sie neben dem Hanf noch Kokain nutzen. Seit 1986 nimmt die Zahl dieser Multi-User stetig ab.

Für die meisten Jugendlichen stellt der Gebrauch von Cannabis eine (kurze) Episode in ihrem Leben dar. Unter Leitung des Soziologen Dieter Kleiber wurde in diesem Jahr eine große Studie veröffentlicht, die im Auftrag des Bundesministerium für Gesundheit die Konsummuster von jungen Menschen erforschte. Danach haben in den alten Bundesländern ein Viertel der 14- bis 15jährigen Erfahrungen mit Hanf. Von diesen stellen 90 Prozent den Gebrauch nach einer Probierphase wieder ein. Die Ergebnisse widersprechen, so Kleiber, „der Eskalationsthese, wonach der Konsum von Cannabis mit zunehmender Dauer quasi substanzinduziert härtere Konsumformen wahrscheinlich und somit einen Ausstieg unwahrscheinlicher macht“.

Seltsam mutet an, daß gerade Haschisch aus dem bunten Drogencocktail herausgegriffen wird, den ein junger Menschn im Laufe seiner Sozialisation ausgesetzt ist. Alle Untersuchungen belegen, daß Alkohol und Nikotin immer noch an erster Stelle stehen, bevor jemand Marihuana raucht oder Heroin nimmt. Und gänzlich ins Straucheln gerät die Einstiegsthese, wenn man sie auf Kiffer-Kulturen wie in Jamaika oder Costa-Rica anwenden will, denn dort ist die Zahl der Opiatabhängigen vergleichsweise gering.

Inzwischen ist den meisten Autoren klar, daß der Gang in die Heroinabhängigkeit natürlich nicht vom Cannabis abhängt, sondern eher durch Faktoren wie Persönlichkeit des Konsumenten, Umgebung und Sozialisation maßgeblich bestimmt wird. Daß der Weg in eine Suchtkarriere viel zu komplex ist, um auf die Schrittmacherfunktion von Haschisch reduziert zu werden, geben selbst die Verfasser eines Sonderbandes des Bundeskriminalamts zu. Es sind also eher drogenunabhängige Einflüsse, die eine „Umsteigen“ hemmen oder fördern.

In jüngerer Zeit wendet sich die Theorie der „Einstiegsdroge“ gegen ihre Verfasser: Einige Forscher behaupten, daß erst die Prohibition, also das Verbot der Hanfpflanze, den Kontakt zu härteren Droge fördere. Die drogenpolitische und strafrechtliche Einheitsbehandlung von Cannabis und anderer, „härterer“ Drogen, führe beim Jugendlichen zu einer gefährlichen Nivellierung zwischen den unterschiedlichen Substanzen. Nach dem Motto: „Cannabis ist verboten, aber harmlos, dann kann doch Heroin auch nicht so gefährlich sein.“ Die Argumentation scheint schlüssig: Wenn Cannabis gemeinsam mit anderen Drogen in die Illegalität gedrängt wird, werden diese eben auch räumlich, sozial und psychologisch miteinander verquickt. Die Erfahrung zeigt durchaus, daß es bei Dealern verschiedene Drogen zu erstehen gibt. Ein „Umstieg“ wird demnach nicht durch Cannabis, sondern durch die strafrechtliche Behandlung hervorgerufen.

Jörg Auf dem Hövel

 

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. In der Headline liest man
    „Cannabis ist die Einstiegsdroge“. Dann wird, manuskripttechnisch gesehen, seitenlang über die Auswirkungen geschrieben. Jeder Deutschpauker würde das mit „Thema verfehlt“ in einem Aufsatz kommentieren. Cannabis ist das Einstiegsmillieu, nicht die Einstiegsdroge.

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