Marihuana Mythos 7: „Marihuana-Konsum während der Schwangerschaft schadet dem Fötus“

Marihuana Mythen – Marihuana Fakten

Teil VII

Noch lange nicht am Ende ist dieses Serie, die sich mit der Aufklärung der Mythen rund um den Hanf befaßt. Schon schimmert aber das wahre Wesen der Pflanze durch die wild wuchernden Gerüchte durch, Klarheiten, aber keine endgültigen Wahrheiten kommen zum Vorschein, denn davon gibt es nur wenige. Wie schaut es tatsächlich aus: Welchen Nutzen und welche Schäden kann der Konsument von Cannabis aus den pflanzlichen Wirkstoffen ziehen? Wo liegen Gefahren für Körper und Geist, wo Chancen für ihre Genesung? Froh darüber, endlich einmal in erster Linie den weiblichen Leser anzuschreiben, beschäftigt sich das HanfBlatt dieses mal mit dem Vorwurf:

„Marihuana-Konsum während der Schwangerschaft schadet dem Fötus“

Ein mächtiger Vorwurf schwebt im Raum: Sollte der Hanf dafür verantwortlich sein, daß mißgebildete Kinder auf die Welt kommen? So wie für den Alkohol feststeht, daß er dem Fötus schadet, so beeinflusse auch Cannabis das werdende Leben, behaupten eine Reihe von Forschern.

 

DIE FAKTEN

Mehrere wissenschaftliche Studien berichten von geringen Geburtsgewicht und körperlichen Abnormalitäten unter Babys, die im Uterus THC ausgesetzt waren. Zog man zum Vergleich allerdings anderen Faktoren heran, die bekanntlich das Säuglingswachstum beeinflussen, wie etwa das Alter der Mutter, die soziale Herkunft und -wichtig- den Konsum von Alkohol und Tabak, schrumpfte der Zusammenhang zwischen Marihuana und widrigen Fötalentwicklungen erheblich. Diverse Untersuchungen fanden keine negative Effekte von Cannabis. Ein Sturz in die Literatur:

Jonathan Buckley ermittelte in einer vielzitierten Fallstudie, bei der Embryos in der Gebärmutter Cannabis ausgesetzt waren, eine möglichen Zusammenhang zwischen dem Genuß des Hanfs vor und während der Schwangerschaft und einem erhöhten Risiko einer akuten (nicht-lymphatischen) Leukämie (ANLL) bei den Kindern. Er schreibt: „Obwohl die Verbindung zwischen Marihuana und der anschließenden Entstehung von ANLL bei den Kindern nicht 100prozentig hergestellt wurde, sind die Beweise so stark, daß sie weitere Untersuchungen rechtfertigen.“ Die Basis der Annahmen Buckleys waren die Aussagen von Müttern, deren Babys mit Leukämie zur Welt kamen. Fünf Prozent dieser Mütter gaben an, vor oder während ihrer trächtigen Zeit gekifft zu haben. Eine „Kontrollgruppe“ von Müttern mit „normalen“ Kindern wurde daraufhin kreiert und über das Telefon nach ihrem Drogengebrauch gefragt. Das von dieser Gruppe ebenfalls fünf Prozent Marihuana rauchten, gereichte dem Forscher zu der Aussage, daß Marihuana-Konsumentinnen ein zehnmal so hohes Risiko eingehen würden, daß ihr Kind Leukämie bekommt. Geht man mit den meisten Umfragen in den USA davon aus, daß Cannabis bei mindestens zehn Prozent der weiblichen Bevölkerung verbreitet ist, müssen einige „Kontrollgruppen“-Mütter höchstwahrscheinlich ihre Vorliebe für das Kraut verschwiegen haben.

Solche Verfahrensfehler sind noch die kleineren Übel, die sich durch die Studien zur Erforschung von Föten ziehen. Peter Fried beispielsweise, Doktor an der Carlton-Universität in Ottawa, versteifte sich zu der Behauptung, daß das „schrille, katzenähnliche Schreien“ von Neugeborenen, deren Mütter Marihuana-Konsumentinnen waren, dem Kreischen von Babys heroinsüchtiger Mütter ähneln würde.

Laufend zitiert wird die Studie von Ralph Hingson, die 1982 erhebliche Schäden bei Babys nachwies, deren Mütter Marihuana während der Schwangerschaft geraucht hatten. Die Untersuchung wurde 1992 von Susan J. Astley wiederholt. Die Frau Doktor konnte die Ergebnisse von Hingson nicht bestätigen und dies obwohl die ausgewählten Probandinnen heftig Gras inhalierten.

Das Relman-Komitee kommt in seinem Bericht „Marihuana and Health“ zu dem Schluß, daß es trotz des weitverbreiteten Gebrauchs von Hanf bei jungen Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter, noch keine Beweise für irgendwelche häufig oder beständig auftretenden mißbildenenden Wirkungen der Droge gibt.

Eine Forschergruppe (Braunstein/Buster/Soares/Gross) veröffentlichte 1983 ihren Bericht, der stolze 12424 Damen befragte – elf Prozent davon waren Kifferinnen. Bei ihren Nachkommen wurden ein geringeres Gewicht bei der Geburt wie eine kürzere Schwangerschaft festgestellt. Ansonsten waren die Werte im Vergleich zu abstinenten Frauen gleich.

Auch Langzeitstudien konnten keine nennenswerten Unterschiede zwischen Liebhaberinnen des berauschenden Grases und anderen Frauen feststellen. Einen kleinen Unterschied gab es doch: Im Alter von drei Jahren hatten die Babys von „moderaten“ Kifferinnen bessere motorische Fähigkeiten vorzuweisen. Die sprachliche Entwicklung von Kleinkindern im Alter von vier Jahren, deren Mütter viel Hanf geraucht hatten (etwa 18 Joints pro Woche), lag etwas tiefer als bei der Kontrollgruppe. Mit sechs wurde bei denselben Kindern eine Unterentwicklung der „Wachsamkeit“ ermittelt. Ein allen anderen getesteten Punkten (IQ) schnitten die Erben stark kiffender Ahnen nicht anders ab.

Einige Mütter nutzen den Hanf, um gegen die morgendliche Übelkeit in der Schwangerschaft anzukämpfen, anderen bauen damit Streß ab. Gerade in nach westlichen Maßstäben unterentwickelten Ländern ist Ganja Ersatz für Medikamente: Auf Jamaika rauchen die Damen gerne – aktuelle Studien konnten nicht nachweisen, daß es ihren Babys schlechter geht. Nebenbei sei bemerkt, daß dies natürlich eine Frage ist, die auch den Mann etwas angeht.

Insgesamt verursacht Marihuana keine reversiblen Schäden am Fötus, Kifferkindern entwickeln sich so gut oder so schlecht wie andere auch. Doch Vorsicht ist trotzdem geboten, denn fast jede Substanz durchdringt die Plazenta (Mutterkuchen) der Frau und landet damit beim Fötus. Und annähernd jede Substanz kann, wenn sie nur hoch und lange dosiert wird, dem werdenen Leben schaden. Für das THC ist nachgewiesen, daß es die Plazenta überwindet, welche genauen Wirkungen es im Fötus hat, ist noch nicht ausreichend erforscht. Föten bilden allerdings keine THC-Metaboliten, so wie es der Mutterkörper tut und die von der Mutter gebildeten Metaboliten überwinden die Plazenta nicht.

Obwohl es so scheint, daß Mißbildungen selten sind, raten alle Wissenschaftler zu einer gewisse Prüderie gegenüber dem Hanf in den berühmten neun Monaten. Gerade in den ersten drei Monaten ist der wachsende Fötus äußerst verwundbar und empfindlich gegenüber jedweden schädlichen Einflüssen. Die nachgewiesenen Auswirkungen von Tabak und Alkohol auf das Baby lassen die Vermutung zu, daß einige Umsicht auch im Umgang mit Cannabis weise ist.

Jörg Auf dem Hövel

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Könnten Sie bitte die Quellen zu ihrem Artikel beifügen? Es ist etwas schwierig die Studien zu finden. Ich benötige die Quellen für ein Referat. Wissen Sie außerdem wie sich die Wirkung beim Verzehr von zum Beispiel Hanfkeksen unterscheidet?

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