Engelstrompeten und andere Nachtschattengewächse

HanfBlatt, Mai 2004

Fasziniert starrte ich auf die herrliche weisse Blüte umgeben von violettblauer Dunkelheit einen sichtbaren Duft in diese düstere Sphäre ausströmend, der zugleich Botschaft ihrer Potenz, ihrer pflanzlichen magischen Seele zu sein schien. Der ecuadorianische Meister, der dieses schlichte ultimative Porträt einer einzelnen Engelstrompetenblüte gemalt hatte, wusste sehr wohl, welch mächtigen Geistes diese von den indianischen Kulturen mit höchstem Respekt behandelte Wesenheit ist. Die Erinnerung an die Begegnung lebt.

Hyoscyamus Kasbeg Georgien

Hyoscyamus am Kasbeg in Georgien

Auf der anderen Seite des grossen Ozeans regiert in puncto Engelstrompeten anscheinend die Dummheit. Das Sommerloch schreit nach Sensationen. Nachdem mehrere Vergiftungen Jugendlicher durch unvorsichtig und überdosiert eingenommene Pflanzenteile des Stechapfels und der sowohl botanisch als auch vom Wirkstoffgehalt nahe verwandten Engelstrompete bekannt wurden, griffen die Geschichtenverkäufer von BILD bis SPIEGEL und von RTL bis SAT 1 das Thema in gewohnt reisserischer Weise auf. Unter absurden, nichts abgrenzenden, alle Assoziationen offenlassenden Wortschöpfungen wie „Biodrogen“ (Spiegel) oder auch „biogenen Suchtdrogen“ (Der Nervenarzt) wurde die Panikwerbetrommel für das Phänomen des Konsums heimischer Rauschpflanzen, der „Drogen aus dem Blumenbeet“ als „neuer Modedrogen“ der „Pflanzenjunkies“ gedreht. „Ihr Revier: Botanische Gärten!“ (SAT 1) Was im „Pflanzenrausch“ (Medical Tribune) geschieht? Natürlich glauben mal wieder viele sie könnten fliegen (Spiegel). Wahrscheinlich fliegen sie dann in Schwärmen an den Fenstern vernebelter Redaktionsräume vorbei. Besonderes Augenmerk wurde diesmal auf die von unseren Vorfahren in traditionellen Kontexten ehrfurchtsvoll genutzten und seit der Zeit der christlichen Hexenverfolgung als „teuflisch“ denunzierten Nachtschattengewächse gelegt. „Drogenpilze“ fanden diesmal eher beiläufig Erwähnung. Vielleicht weil sie keine guten Garanten für einen „Horrortrip durch Biodrogen“ (SAT 1) sind.

 Büschel-Bilsenkraut-Physochlaina-orientalis

Büschel Bilsenkraut Physochlaina-orientalis, Hamburg 2016

Zu Ehren kam dagegen bei SAT 1 die gute alte Bananenschale, deren angebliche Wirksamkeit ein Gag der kalifornischen Spassguerilla der 60er Jahre war und schon damals wiederlegt wurde. So stand der „akte 2000“-Moderator neben einem Haufen Bananen und faselte davon, „wer es schafft, Bananenschalen zu rauchen, steht vor dem Horror-Trip seines Lebens“. Da fragt man sich doch unwillkürlich, was pfeifen die sich da eigentlich in den Studios rein? Wahrscheinlich zuviel Kaffee…Das wäre ja alles amüsant, wenn es nicht einerseits Leute geben würde, die den propagandistischen Blödsinn, der dort verzapft wird, tatsächlich glauben, und dadurch im Umgang mit diesen Pflanzen und deren Freunden gelinde gesagt verunsichert werden, und andererseits potentielle jugendliche Konsumenten erst neugierig gemacht werden. Die Verteufelung von allem was knallt ausser Alkohol, ist wohlbekannt und funktioniert immer nach demselben Schema. Jugendliche glauben soetwas schon lange nicht mehr. Sie sehen zwischen den Zeilen den neuen kostenlosen Törn. Nur in diesem Fall bestehen tatsächlich vergleichsweise hohe Risiken!

Sechsklappige Datura stramonium Kapsel Schwanheimer Dünen Frankfurt Hoechst November 2008

Sechsklappige Datura stramonium Kapsel, Schwanheimer Dünen, Frankfurt Hoechst, November 2008

 

Vorkommnisse, bei denen Jugendliche unüberlegt viel zu hohe Dosen von tropanalkaloidhaltigen Nachtschattengewächsen eingenommen hatten und halluzinierend und desorientiert in Krankenhäuser eingeliefert wurden, hat es wie gesagt gegeben. Traurig ein Fall, bei dem 1997 ein junger Mann in Frankfurt nach Einnahme von Engelstrompetenblüten  unerkannt von den ebenfalls berauschten und verwirrten Freunden im Main ertrank. Zurecht muss deshalb vor der uninformierten Einnahme dieser bizarren und reizvollen Gewächse gewarnt werden! Zu ihnen gehören die bei uns vielerorts wild gedeihende Tollkirsche (Atropa belladonna; ich habe sie sogar auf  Schul- und Kindergartengeländen gesehen!), das erheblich seltenere Schwarze Bilsenkraut (Hyoscyamus niger), der Ödland, Böschungen und Feldraine liebende und bisweilen in grossen Populationen auftretende Stechapfel (Datura stramonium), die selten z.B. in botanischen Gärten angepflanzten, aber im Kräuterpflanzenhandel erhältlichen Alraunen (Mandragora ssp.) und die Tollkräuter (Scopolia ssp.), sowie die überaus prächtigen als Kübelpflanzen sich zunehmender Beliebtheit erfreuenden Engelstrompeten (Brugmansia ssp.) und weitere exotische Stechapfelarten (Datura metel u.a.). Die in zahlreichen Formen mit den unterschiedlichsten Blüten aus den südamerikansichen Anden von Kolumbien und Ecuador stammenden teilweise bis zu mehreren Metern hoch und viele Jahre alt werdenden Engelstrompetensträucher sind wohl die am einfachsten zugänglichen psychoaktiven Nachtschattengewächse. Ihrer Schönheit haben sie es zu verdanken, dass sie an vielen Orten der Welt zur Zierde gepflanzt werden. In manchen tropischen Bergregionen haben sich riesige Populationen verwilderter Pflanzen gebildet, so z.B. auf Bali oder in den südindischen Palani-Bergen. Jungpflanzen werden bei uns im Frühjahr selbst in Supermärkten gehandelt, Samen gibt es in jeder Blumensamenhandlung. In den Gärten sind die Pflanzen ob ihrer Blütenpracht im Spätsommer nicht zu übersehen. Selbst in Kübeln auf dem Kuhdamm nahmen sie passiv an der Love-Parade 1993 teil. Eine sehenswerte berühmte Sammlung sehr alter, grosser und auch fruchttragender Sorten befindet sich in den Herrenhäuser Gärten in Hannover. Das gibts nur einmal…

Gelb blühende Mandragora officinarum, 2016

Was beachten Afficionados, die allen Unkenrufen zum Trotz, darauf beharren, ihre Befindlichkeit durch diese potenten Heilpflanzen zu verändern?

Alle erwähnten Nachtschattengewächse enthalten eine Gruppe von Tropanalkaloiden. Die Mischungsverhältnisse und Konzentrationen dieser psychoaktiven Wirkstoffe schwanken nicht nur zwischen den Arten, sondern auch von Pflanze zu Pflanze und von Pflanzenteil zu Pflanzenteil, teilweise um ein Vielfaches! Dies erschwert eine zielgerechte Dosierung, macht sie aber nicht unmöglich. Bei Analysen von Engelstrompeten waren die Samen am wirkstoffhaltigsten. Die Blüten waren erheblich potenter als die Blätter; aber darauf gibt es keinen Verlass! Es wird also das genau abgewogene getrocknete Rohmaterial zu einem einheitlichen Produkt verarbeitet, also z.B. ein alkoholischer Extrakt oder eine Salbe hergestellt oder das Pflanzenmaterial einfach zu einem einheitlichen Pulver verrieben. Dieses Produkt wird dann in klar abgemessenen Dosierungen eingenommen, äusserlich aufgetragen, geraucht oder geräuchert. Begonnen wird mit möglichst niedrigen Dosen, beispielsweise mit 0,1 Gramm der getrockneten Blätter, Blüten oder Samen oder einem entsprechenden Äquivalent der Zubereitungen.

Die Aufnahme der Wirkstoffe wird stark verzögert, wenn man z.B. ganze Samen schluckt. Sie kommt in der Regel deutlich schneller, wenn man einen Tee oder einen alkoholischen Extrakt trinkt oder etwa die Samen gut zerkaut. Relativ prompt wirkt der inhalierte Rauch. Hat man vorher gegessen, dauert es bis zur Wirkungsentfaltung oral aufgenommener Produkte natürlich länger. Da manchmal mehrere Stunden bis zur Entfaltung der vollen Wirkung vergehen können, übt man sich in Geduld und dosiert auf keinen Fall gleich nach. Sollte die Wirkung zu schwach sein, läßt man sich mehrere Tage Zeit bis zur nächsten Gelegenheit. Überhaupt kann sich die Wirkung der Alkaloide bei wiederholter Einnahme soweit kumulieren, dass eine Dosis überschritten wird, die schliesslich heftigere Reaktionen zur Folge hat, als ursprünglich beabsichtigt und erwartet.

Gelbblühende Hladniks Tollkraut, Scopolia carniolica Jaco. ssp. hladnikiana, aus Slowenien in Hamburg, 2009

Gelbblühende Hladniks Tollkraut, Scopolia carniolica Jaco. ssp. hladnikiana, aus Slowenien in Hamburg, 2009

Unkontrollierbare Rauschzustände mit starken körperlichen Nebenwirkungen und real erscheinenden „echten“ Halluzinationen mit dem Risiko selbst oder andere gefährdenden Verhaltens sind die grösste Gefahr bei Einnahme von Nachtschattengewächsen. Sie gelten dem schlaueren Teil der Nachtschattenfreunde als zu vermeidendes Übel, das allenfalls tränierten Schamanen vorbehalten sein sollte. Andere dagegen suchen aus oft törichter Abenteuerlust diese Zustände und sind auch nicht mit guten Worten davon abzuhalten. Diesen kann man jedoch auf den Weg geben, dass immer mindestens eine erfahrene und kräftige Vertrauensperson mit guten Nerven, sowie sehr viel Zeit und Geduld dabei sein sollte, die die Situation im Auge behalten, auf das Verhalten der Beteiligten, wenn angebracht, mässigenden Einfluss ausüben und notfalls unverzüglich Hilfe herbeiholen kann. Dieser oder diesen Personen gebührt dann entsprechender Dank. Nie sollte man sich allein einem starken Nachtschattentrip hingeben, es sei denn man befindet sich in einer gemütlichen Gummizelle oder sonst einer schützenden Umgebung.

Bevor Nachtschattengewächse eingenommen werden, wird gründlichst überlegt, ob sich die Einnahme in Anbetracht zahlreicher meist als eher unangenehm erlebter Wirkungen überhaupt lohnt. Starke Mundtrockenheit, Schluckbeschwerden, erhöhte Köroertemperatur, trockene Haut, erweiterte Pupillen, dadurch bedingte Sehstörungen, Übelkeit, Erbrechen, Schwindelgefühle, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen, Kopfschmerzen, innere Unruhe, Schlafstörung, Benommenheit, Koordinationsstörungen, Erschöpfung, Lähmungsgefühle bis hin zur Paralyse und dergleichen gehören zu den Begleiterscheinungen die mit zunehmender Dosis verstärkt auftreten und das Ganze schnell fragwürdig erscheinen lassen. Deliröse Zustände mit düsteren, erschreckenden und zu Fehlverhalten animierenden, nicht kontrollierbaren Halluzinationen bei hohen Dosierungen können das vermeintliche Abenteuer zum Alptraum werden lassen. So eine Vergiftung kann mehrere Tage dauern! Einen derartigen Trip beschreibt z.B. der norwegische Kultautor Ingvar Ambjörnsen („Weisse Nigger“) anschaulich in seinem Roman „Sarons Haut“. Nicht selten treten rückwirkend in Bezug auf den Rauschzustand Erinnerungslücken auf und machen die Erfahrung damit de facto überflüssig und unnötig riskant.

Wilder Wermut Artemisia absinthium am Selim-Pass, Armenien, September 2017

Wilder Wermut Artemisia absinthium am Selim-Pass, Armenien, September 2017

Obendrein können tödliche Vergiftungen vorkommen! Menschen mit gesundheitlichen Problemen wie Herz-Kreislaufstörungen unterliegen einer stark erhöhten Gefährdung. Die Einnahme von Tollkirschen ist auf Grund ihres Wirkstoffprofils in dieser Hinsicht besonders riskant!

Bei hohen Dosierungen oder Dauergebrauch wurden bisweilen anhaltende psychische Störungen beobachtet. Dies ist der Grund, warum in Kulturen mit traditionellen Gebrauchsriten die Einnahme und überwachte Vergabe meist nur sehr erfahrenen schamanischen Heilern vorbehalten bleibt!

Das Problem im Umgang mit den tropanalkaloidhaltigen Nachtschattengewächsen sind letztlich nicht die Heilpflanzen selbst, sondern die durch jahrhundertelange christliche Verfolgung verlorengegangenen risikomindernden Umgangsformen mit diesen hochwirksamen Naturgeschenken. Die richtigen Umgangsformen vorsichtig und respektvoll wiederzubeleben oder auch neu zu erlernen, das ist die Aufgabe, der die Freunde der bewusstseinsverändernden Kräfte der Engelstrompeten, der stechenden Äpfel und der tollen Kirschen gegenüberstehen.

Lassen wir zum Abschluss einen gelegentlichen Konsumenten niedriger Dosen psychoaktiver Nachtschattengewächse zu Worte kommen; nennen wir ihn „Larry Lotter“:

„Kleine Mengen, das heisst ein viertel bis ein Blatt vom Stechapfel, der Engelstrompete oder dem Bilsenkraut geraucht oder 5 bis 15 Stechapfelsamen bzw. 1 bis 4 Engelstrompetensamen gut durchgekaut erzeugen bei mir ein Gefühl von etwas stumpfsinniger, aber humoriger Entspannung, manchmal auch eine erhöhte Sinnlichkeit oder einen gewissen magischen unvorhersehbaren Aspekt in der Wahrnehmung, der mit Hanf sehr gut harmoniert und sich potenziert. Nicht umsonst sind Stechapfel und Hanf die Pflanzen des Rauschgottes Shiva. Diese Kombination verstärkt aber auch die Mundtrockenheit und kann eine Art Kater am nächsten Tag bewirken. Man muss sich sehr vorsichtig an die individuell verträgliche Dosis herantasten! Erquicket Euch an dem Anblick dieser faszinierenden Geschöpfe. Lasset Euch von ihrem Duft betören. Lauschet den Engelstrompeten!“

az

 

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Ulrike und Hans-Georg Preisse
„Engelstrompeten. Brugmansia und Datura“
Stuttgart, Ulmer 1997
141 S., geb., Großformat, zahlreiche Farbfotos
ISBN 3-8001-6614-3

Wunderbar illustriertes Grundlagenwerk für jeden an der Züchtung dieser Schönheiten zu Zierzwecken Interessierten.

Monika Gottschalk
„Engelstrompeten. Die schönsten Sorten. Pflegen. Überwintern. Vermehren.“
München, BLV 2000
95 S., zahlreiche Farbfotos
ISBN 3-405-15760-9

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