Postantibiotische Ära?

Erschienen in der Telepolis v. 12.05.2014
Von Jörg Auf dem Hövel

Nach einem WHO-Bericht steigt die Zahl der resistenten Keime global an

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat vor kurzem den ersten globalen Bericht über das Problem resistenter Keime veröffentlicht. Danach steigt weltweit die Zahl der Keime an, die sich mit den herkömmlichen Antibiotika nicht mehr behandeln lassen. Nach der WHO sind Antibiotika nach wie vor „einer der Grundpfeiler, die es ermöglichen, dass wir länger und gesünder leben“. Keiji Fukuda, Generaldirektor für Gesundheitssicherheit, spricht nun von der Gefahr einer „postantibiotischen Ära“, in der gewöhnliche Infektionen und kleine Verletzungen, „die für Jahrzehnte behandelbar waren, wieder tödlich sein“ könnten. Die Hälfte der weltweiten Tuberkulose-Fälle seien schon nicht mehr mit traditionell Medikamenten behandelbar, behauptet die Studie.

Was sind die Ursachen? Mehrere Faktoren begünstigen die globale Evolution der Widerstandsfähigkeit von Bakterienstämmen. Zum einen ist die falsche Anwendung von Antibiotika häufig, die noch immer bei Erkrankungen der Atemwege verschrieben oder eingenommen werden, obwohl hier nur rund fünf Prozent auf Bakterien verursacht werden. Zum anderen brechen viele Patienten die Einnahme zu früh ab, einige Keime überleben und bevölkern den Körper weiterhin. Ein weiterer Faktor ist der unvollständige Abbau der Antibiotika im Körper, der diese später ausscheidet. Im Abwasser führt der Selektionsdruck dann zu weiterer Resistenzbildungen unter den Bakterienstämmen. Gerade in Krankenhäusern treffen Stämme aufeinander, tauschen ihre genetischen Informationen aus und tragen zur Verbreitung der Resistenz bei.

Die Folgen sind schon bei Kleinkindern sichtbar, deren Darmflora oft schon gegen viele Antibiotika resistent ist. Die Ursachen hierfür sind unklar. Es kann sein, dass die Substanzen über Nahrungsmittel aufgenommen werden, ein weiterer Grund könnte die Anwendung von Medikamenten in den ersten Lebensjahren sein.

Ein vielfach kritisierter Faktor ist breite Einsatz von Antibiotika in der Viehzucht, sei es als Medikament, sei es als Wachstumsbeschleuniger. Die hygienische Bedingungen der Massentierhaltung verschärfen das Problem. Seit 2006 ist die wachstumsfördernde Anwendung in der EU verboten. Gleichwohl schätzt man, dass annähernd die Hälfte aller produzierten Antibiotika in der Tierhaltung Verwendung finden.

Glaubt man der WHO-Studie, sprechen aktuell mehr als die Hälfte aller Patienten auf die Gruppe der antibiotischen Fluorchinolone nicht mehr an. Als diese Anfang der 80er Jahre auf den Markt kamen, existierten zunächst fast keine E.-coli-Stämme, die nicht auf sie reagierten. Ob neue Medikamente, wie die WHO sie fordert, nachhaltig weiter helfen? Die Innovationsmüdigkeit der Pharma-Branche macht auch vor der Entwicklung neuer Antibiotika nicht halt; seit über 30 Jahren ist hier nichts passiert.

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