Rezension Wolfgang Schneider: Die „sanfte“ Kontrolle, Suchtprävention als Drogenpolitik

HanfBlatt Nr. 106

Was sind die Ursachen? Wie kann geholfen werden?

Geschichte und Gegenwart der Drogenforschung und der Drogenpolitik zeigen, dass es keinen „Königsweg“ zur Reduzierung von Drogenabhängigkeit gibt. Was aber sind die grundsätzlichen Annahmen über die Entstehung von schädlicher Drogenabhängigkeit und in wie weit bestimmen diese Theorie das Handeln des Drogenhilfesystems?

Dirk Themann hat sich die Mühe gemacht und verschiedene Theorie über die Entstehung von Drogenabhängigkeit überprüft. So nimmt zum Beispiel die Psychoanalyse (Freud) an, dass eine gestörte Kindheit zu einer gestörte Persönlichkeit und damit zu (Heroin-)Abhängigkeit führen kann. Themann hat dies anhand der Geschichte von Abhängigen überprüft, sein Fazit: Die Annahme ist mit den empirischen Daten nicht vereinbar.

Ähnliches gilt aus seiner Sicht für die sogenannten Anomie-Theorie, die Drogenabhängigkeit mit fehlenden sozialer Ordnung bzw. Regel- und Normenschwäche erklären wollen. Am besten schneidet bei Themann der Labeling-Ansatz ab. Dessen Schema: Der Drogenkonsum einer Person führt zu einem Brandmarkung. Dieses Stigma führt zu vermehrter Diskriminierung dieser Person, diese Diskriminierung führt wiederum zum sozialen Ausschluss aus der Gesellschaft und dieser Ausschluss birgt für die Person als eine mögliche Bearbeitungsstrategie den Rückzug in die kriminellen Drogenkarriere an. Aber auch hier gilt: Menschen funktionieren nicht wie Maschinen, es müssen viele Faktoren zusammenkommen, um jemanden in die Sucht zu bringen.

Insgesamt schafft es Themann, die psychologisch dominierte Drogenforschung, die in all ihren Varianten von einer individuell-defizitären Persönlichkeit der Drogenkonsumenten ausgeht, kritisch zu beleuchten. Schön wäre gewesen, wenn er weitere Theorien zur Entstehung von Abhängigkeit auf ihre Praxistauglichkeit abgeklopft hätte.

Aber auch so: Ausgehend von dem theoretischen Mangel entwirft Themann ein eigenes Modell, das verschiedene Theorien verbindet. Es berücksichtigt, dass es „den“ Drogenabhängigen nicht gibt, das eine nicht geringe Zahl von Konsumenten existiert, die Heroin kontrolliert einnimmt und das einige den Konsum selbstständig beenden. Der Autor landet schließlich bei der Forderung nach einer konzeptionellen Umgestaltung der Drogentherapien, einer Teillegalisierung mit gering dosierten Heroin, wobei geklärt werden müsse, wie kein Schwarzmarkt entsteht.

Insgesamt viele harte Bretter, die Themann gekonnt bohrt, ein kleines Buch mit hohem Gewicht. Dass die Sprache sich meist in den Tiefen der Wissenschaft bewegt, dass muss wohl so sein. Es ist daher zwar kein Vergnügen, dass Buch zu lesen, aber für alle unbedingt zu empfehlen, die sich auf hohem Niveau mit den Alternativen zur festgefahrenen Drogenpolitik beschäftigen wollen.

Dirk Themann:
Alternativen zu individuenzentrierten Drogentheorien und zur Drogenpolitik
Tectum Verlag 2006
202 Seiten, broschürt
ISBN: 3-8288-9088-1
24,90 EUR

 

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