Schlafmohn – Papaver somniferum

schlafmohn

Eine alte Nutzpflanze

HanfBlatt 3/2004

Assoziiert mit Schlaf, Traum und Tod, betäubungsmittelrechtlich strengstens verboten, wie sonst nur die exotische Kokapflanze oder der geliebte Hanf, gedeiht der Schlafmohn (botanisch Papaver somniferum) alle Sommer wieder in bundesdeutschen Gärten. Begeben wir uns nur einmal auf ein simples Schlafmohn-Spotting, so entdecken wir die Drogenpflanze als illegale Zierpflanze prächtig gedeihend in zahlreichen Gärten, ob in Schleswig-Holstein, Hamburg, Sachsen oder Bayern. Eine Kleingartensiedlung in Lüneburg verblüffte letztes Jahr dadurch, da§ praktisch jeder zweite Garten mitmachte und selbst der Kinderspielplatz mit Schlafmohn eingefriedet worden war. Verwildert finden wir ihn am Ostseesteilufer und an Böschungen in Autobahnnähe ebenso wie in einem Botanischen Garten, wo er sich über weite Areale verbreitet hat. Die frisch geschnittenen grünen Kapseln wurden von Floristen auf dem Kuhdamm in Berlin oder auf Märkten in Frankfurt verkauft. Getrocknete, noch unbehandelte (das heißt noch nicht, wie gesetzlich vorgeschrieben, mit Essigsäure extrahierte und des Morphins beraubte) aber oftmals in ihren Herkunftsländern bereits geritzte Köpfe, werden nach wie vor zu Dekozwecken oder in der Friedhofsgärtnerei zur Winterszeit angeboten.Die Samen wurden, obwohl der Anbau strengstens verboten ist, in offiziellen Samentütchen am Münchner Viktualienmarkt gehandelt. Sie sind auch, oft noch gut keimfähig, als Gewürz und zum Backen erhältlich.

Kaum jemand scheint sich der Strenge des Schlafmohnverbotes bewusst zu sein. Es ist ein Verbot, das praktisch nicht durchgesetzt wird. Viele Normalbürger könnten über die Durchsetzung dieses absurden Gesetzes kriminalisiert werden. Ein Spaß, der die ein oder andere Anzeige vielleicht wert wäre. Aber Scherz beiseite: Ziel sollte natürlich die Entkriminalisierung des Umgangs mit diesem über Jahrtausende die Menschheit begleitenden Attributes der Hera und der Aphrodite sein.

Der Schlafmohn ist eine wunderschöne einjährige Blume, nicht zu verwechseln mit dem wildwachsenden roten Klatschmohn (Papaver rhoeas) und dem mehrährigen zur Zierde angepflanzten orange oder rotblühenden Türkenmohn, auch Orientalischer Mohn (botanisch Papaver orientale oder Papaver bracteatum) genannt. Diese enthalten kein Morphin oder ähnlich begehrte Alkaloide.

Schlafmohn ist in unserem Klima tatsächlich leicht zu ziehen, sogar auch in Mittelgebirgslagen. Er benötigt viel Sonne, aber weniger Hitze. Zu Beginn des Wachstums wird Phosphor benötigt, Stickstoff später. Düngung erwies sich als ertragssteigernd. Er wird meist im April leicht bedeckt in wärmeren, nährstoffreichen Boden in gutem Humus- und Kulturzustand gesät und benötigt zur Keimung ein bis zwei Wochen. Zum Keimen und im frühen Wachstumsstadium ist ausreichend Feuchtigkeit erforderlich, zur Blüte weniger, zur Kapselentwicklung noch weniger und zur Reife Trockenheit. Die Keimlinge werden ausgedünnt durch Auszupfen der Nachzügler, sobald sie sich gegenseitig bedrängen, damit sich lieber weniger Pflanzen zu ausreichender Größe entwickeln können, als dass viele Pfänzchen mickrig bleiben. Auch Unkraut wird entfernt. Krustenbildung des Bodens wird durch Hacken verhindert. Die Blüte erfolgt meistens Ende Juni, Anfang Juli, kann sich im Einzelfall bei großüchsigen Sorten auch bis Anfang August rauszögern. Die Knospen richten sich erst kurz vor der Blüte auf und öffnen sich ziemlich abrupt. Schon nach ein bis zwei Tagen fallen die Blüenblätter ohne zu Welken ab. Die Blüte des Mohnbestandes zieht sich vielleicht ein bis zwei Wochen hin, abhängig von der Zahl der Seitentriebe. Die Kapseln reifen in etwa vier bis sechs Wochen aus.

Der Schlafmohn blüht weiß, violett, rot oder in Mischungen dieser Farben. Seine Blüten sind einfach, geschlitzt oder gefüllt. Manche Sorten bilden nur zwei bis drei Bläten und Köpfe aus, manche vier bis sechs und mehr. Die Mohnköpfe oder Samenkapseln sind rund, tonnenförmig, birnenförmig oder länglich geformt. Eine besonders kuriose Form wird “Henne mit Küken” genannt und weist an jeder großen Kapsel zahlreiche kleine Seitenableger auf. Es gibt zwergwüchsige Pflanzen, aber auch Exemplare mit einem Blütendurchmesser bis 16 cm und einem Höhenwachstum bis 140 cm. Es gibt frühreifende Sorten mit einer Vegetationsdauer von etwa 90 Tagen, aber auch spätreifende. Die schmackhaften Samen sind bläulich, grau, wei§ oder bräunlich gefärbt. Es gibt eine Variante, deren Kapseln sich beim Trocknen öffnen, so da§ die Samen herausrieseln, der sogenannte Schöttmohn. Logischerweise beliebter ist die geschlossen bleibende Variante, der Schließmohn.

In vielen Ländern wird der Schlafmohn nämlich in erster Linie wegen der leckeren nahrhaften Samen angebaut, die wir von Mohnbrot, -brötchen, kuchen, -pudding usw. kennen. Selbst wenn die getrockneten Mohnköpfe zur Alkaloidextraktion (Morphin und andere) oder das Ritzen zur Opiumgewinnung im Vordergrund stehen, bilden die Samen ein begehrtes Nebenprodukt. Sie enthalten etwa 45 bis 50 % eines hochwertigen (Speise-) Eis , au§erdem knapp 25 % Proteine mit fast allen wichtigen Aminosäuren außer Tryptophan, au§erdem Kohlehydrate und Mineralstoffe, insbesondere Calcium (5-6%) und Eisen (0,8-0,9%), sowie Spuren von Alkaloiden, die einen empfindlichen Urintest opiatpositiv erscheinen lassen können.

Aber zurück zu den sortenabhängigen erblichen Eigenschaften des Schlafmohns. Sie sind Ausdruck der Zucht durch den Menschen. Auch der maximale Wirkstoffgehalt, insbesondere der des Morphins, scheint genetisch vorgegeben zu sein. Seine Ausprägung unterliegt aber stark den klimatischen Bedingungen und Umweltfaktoren unter denen der Schlafmohn wächst. So ist der Morphingehalt beispielsweise in warmen Sommern höher. Regen während der Kapselreife verringert ihn. Hierzu wurden in den Fünfziger und Anfang der Sechziger Jahre in der ehemaligen DDR und anderen Ostblockländern eine Reihe von Studien durchgeführt.

Was vielen Menschen nicht bekannt ist, ist die Tatsache, daß auch der bei uns in Deutschland gedeihende Mohn ein hochwertiges Ritzopium liefern kann. Es wurden bei Anbauversuchen in Deutschland zwischen 7 und 30 mg getrocknetes Rohopium (4% Wassergehalt) pro Kapsel geerntet mit einem durchschnittlichen Morphingehalt von 15,5 %!. Bei anderen Versuchen waren Gehalte zwischen 16 und 20 % Morphin (bei Spitzen um die 22 %) nicht ungewöhnlich. Unverschnittenes Schwarzmarktopium aus den bedeutsamen Schlafmohnbauländern (Goldener Halbmond, das hei§t Afghanistan, Pakistan und Nachbarländer, Goldenes Dreieck, was für Burma, Laos und Thailand steht, Libanon, sowie Mexiko und Kolumbien) enthält oft nur vergleichsweise niedrige Gehalte von deutlich unter 12 %. Aus dem Großteil dieses Opiums wird allerdings Morphin extrahiert und auf chemischem Wege in Heroin umgewandelt, für das ein viel größerer Markt besteht. Nur wenig Schwarzmarktopium gelangt zum Beispiel durch iranische Geschäftsleute oder direkt aus Afghanistan oder über Ru§land nach Deutschland. Wenn es mal erhältlich ist, werden Preise zwischen 10 und 20 DM, teilweise hoch bis 40 oder gar 70 DM pro Gramm verlangt und auch bezahlt. Es hat einen erstaunlich guten Ruf, selbst bei Leuten, die von sich behaupten, Heroin niemals anrühren zu wollen. Die auch dem Konsum von Opium inhärenten Risiken, insbesondere das tödlicher Überdosierung und das einer Abhängigkeitsentwicklung, rechtfertigen eine mythische Höherstellung des Opiums nicht.

Zur Opiumgewinnung werden die ausgewachsenen noch grünen Kapseln, frühestens nach acht bis zehn Tagen, in unseren Breiten eher zwei bis drei Wochen nach Abfallen der Blütenblätter oberflächlich so geritzt, dass möglichst viele der in Kettengruppen im Parenchymgewebe der grünen Kapseln konzentrierten Milchröhren angeschnitten werden und der wei§e Milchsaft austreten kann, ohne dass er ins Innere der Kapsel fließt und damit verloren geht und auch die Samenernte beeinträchtigt. Deshalb sind dickwandige Kapseln für das Opiumritzen besser geeignet. Dafür werden Messser mit rasiermesserscharfen Klingen verwendet und eine wohlgelernte Ritztechnik. Den richtigen Erntezeitpunkt zu erkennen ist eine auf Erfahrungswerten beruhende Kunst für sich. Geritzt wird üblicherweise nachmittags und zwar senkrecht, waagerecht oder spiralförmig. Kurze Schnitte werden bevorzugt, wenn mehrmals geritzt werden soll, lange umfassende Schnitte bei einmaliger Ritzung. Der Ertrag und der Morphingehalt der folgender Ritzungen verringern sich. Der austretende noch dünnflüssige Milchsaft kann gleich eingesammelt werden, um ihn vor Regen, Licht und Hitze geschützt zu trocknen. 1 Gramm frische Milch ergab im experimentellen Anbau bei Darmstadt etwa 0,34 g getrocknetes Opium. Oder man lässt den Milchsaft über Nacht dickflüssig und braun werden, um ihn dann am nächsten Morgen mit einem stumpfen Werkzeug abzuschaben und in ein Gefäß oder auf einem Mohnblatt für die weitere Verarbeitung und Trocknung abzustreifen.

Wie arbeitsaufwendig die Opiumernte ist, zeigen Versuche in der ehemaligen DDR. Eine Person konnte in einer Stunde durchschnittlich 200 Kapseln ritzen und nur 100 Kapseln abschaben. Bei einem Ertrag von etwa 40 bis 50 mg noch recht wasserhaltigen Opiums (20 bis 30 %) pro Kapsel wurde eine für die Gewinnung von 100 Gramm Rohopium erforderliche Arbeitsleistung von 31 Stunden errechnet. In der sogenannten Dritten Welt wird da wohl fixer gearbeitet und zwar für viel weniger Lohn. So rentiert sich die Opiumgewinnung zu medizinischen Zwecken bei uns schon lange nicht mehr, und wir profitieren mal wieder von der Armut der anderen. (Was die Opiumgewinnung für medizinische Zwecke betrifft, ist Indien der Hauptlieferant.)

Welche Teile der Pflanze enthalten Morphin?

Die gesamte Pflanze enthält Morphin. Dieses konzentriert sich in den Milchröhren der Pflanze, die sich wiederum besonders dicht in den oberen Pflanzenteilen, insbesondere in den Wänden der durchschnittlich etwa 3 bis 4 cm hoch werdenden Kapseln entwickeln. So weisen der obere Stengelabschnitt und die ausgewachsenen noch unreifen grünen oder bereits gereiften braunen Kapseln den mit Abstand höchsten Morphingehalt auf. Nach der Samenreife fand man 70 % des in der ganzen Pflanze enthaltenen Morphins in den von den Samen befreiten Kapseln. In den getrockneten Schlafmohnkapseln wurde Morphin abhängig von Sorte, Anbaubedingungen und Pflanzenindividuum mit einem Anteil zwischen 0 und 1,7 % ermittelt, eine enorme Spannbreite, die Dosierungen schwierig, mitunter sogar lebensgefährlich macht! Typisch war eine Spanne zwischen 0,1 und 0,8 %, mit einer Ballung bei 0,2 bis 0,4 %. Wie gesagt, gibt es aber auch Varietäten mit einem ganz niedrigen Morphingehalt und solche mit einem Gehaltsmaximum von 1% oder mehr!

Auch die Kapselgröße ist stark schwankend. Mag der Durchschnitt des Gewichts der leeren Kapseln bei 1,5 bis 3 Gramm liegen, so wurden doch in einzelnen Kapseln Morphinmengen zwischen 0 und 38 mg analysiert, eine unabschätzbare Variationsbreite, die bei Selbstversuchen fatale Folgen haben kann.

Für jemanden, der Morphin nicht gewohnt ist, sind bereits 10 mg (0,01g) eine kräftige, 30mg eine starke und über 100 mg eine möglicherweise lebensgefährliche, 300 bis 400 mg eine mit hoher Wahrscheinlichkeit tödliche Dosis! Dies sollten Experimentierer, die sich trotz Verbotes über die Pflanze hermachen, bedenken.

Sowohl Opium als auch der getrocknete Schlafmohn enthalten außer dem im Jahre 1806 von Friedrich Sertürner isolierten Morphin zahlreiche weitere Alkaloide, insgesamt etwa 25, die ihren Anteil an der Gesamtwirkung haben, so dass diese nicht mit der des reinen Morphins identisch ist und durchaus spŸrbaren Schwankungen unterworfen sein kann.

Die im Schlafmohn produzierten Alkaloide bilden die Grundlage einer Unzahl wertvoller Medikamente. Morphin ist zweifellos das bekannteste unter ihnen. Es machte Opium über Jahrtausende hinweg zum stärksten Schmerzmittel. Opium hat unendlich viel Schmerz und Leid gelindert und ist insofern ein echtes Geschenk der Götter. Auf der anderen Seite wurde es aber auch zum Inbegriff für Sucht und körperliche Abhängigkeit, die sich bereits nach wenigen Wochen täglichen Konsums einstellt. Bemerkenswert ist bei täglicher Einnahme die Entwicklung einer Toleranz für Einzeldosen, die einen Experimentierer umbringen würden. Nach Entzug verschwindet die Toleranz wieder, eine erhöhte Sensibilität tritt auf. Das Risiko einer tödlichen Überdosis durch Fehleinschätzungen erhöht sich. Der Entzug nach täglichem missbräuchlichen Opiatkonsum wird körperlich und psychisch umso anstrengender, je länger und umso höher dosiert konsumiert wurde.

Morphinentzug

Gähnzwang, Niesen, Ängstlichkeit, Opiatgier, Schwitzen, Tränenflu§, Unruhe, Schlaflosigkeit, schließlich Pupillenerweiterung, Gänsehaut, Zittern, Glieder-und Muskelschmerzen, Muskelkrämpfe, Hitzewallungen, Appetitlosigkeit, dann Steigerung der Herzschlagfrequenz, Blutdruckanstieg, Fieber, †belkeit bis hin zum Erbrechen, Durchfall, das Ganze begleitet von innerer und motorischer Unruhe und Getriebenheit bis hin zu Zwangsvorstellungen, eine seelische Empfindlichkeit und Konfrontation mit dem, was mehr oder weniger lange unterdrückt wurde, mit der eigenen beschissenen Lebenssituation und verdrängten Gefühlen, prägen den Entzug, der etwa sieben Tage umfasst. Je schlechter die Zukunftsperspektiven, desto sinnloser erscheint der Entzug. Nach dem Entzug kann es manchmal noch Monate der Lustlosigkeit, inneren Leere und Depressivität dauern, bis sich wieder ein inneres Gleichgewicht herstellt. Ein Entzug sollte immer vorher mit einem Arzt abgesprochen werden. Es können lebensbedrohende Komplikationen auftreten. Eine schützende und pflegerisch kompetente Umgebung kann hilfreich sein.

schlafmohnpostkarte
In Deutschland werden Morphinpräparate zur Linderung starker Schmerzen, wie zum Beispiel bei Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium, nur sehr zurückhaltend verschrieben. In Dänemark werden etwa 15 mal soviel Morphinpräparate zu diesem Zweck verschreiben. Es kursiert noch immer das Schreckgespenst der Sucht und angeblicher Lebensverkürzung durch Opiate und Opioide durch die Reihen der deutschen Ärzteschaft. Dabei könnte über die Linderung körperlicher Schmerzen psychisches Leid verringert und damit zusammenhängende körperliche Beschwerden beseitigt werden. Zum Deutschsein scheint Leiden irgendwie dazuzugehören. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Drogenexperimentierer nehmen zunächst nur geringe Dosierungen, zum Beispiel 0,1 Gramm des zähen, klebrigen charakteristisch pflanzlich-süßlich riechenden Opiums oral oder den (zur Erhöhung der Löslichkeit des Morphins eventuell angesäuerten) Tee aus 2 bis 6 Gramm der in Viertel geschnittenen und möglichst schnell getrockneten Mohnköpfe. Sie beschränken die Einnahme auf wenige Gelegenheiten. Beim Rauchen des Opiums, das auf dem Prinzip des Verkochens der Wirkstoffe basiert, werden grö§ere Mengen verbraucht. Der Kurze mit der Inhalation zusammenhängende Törn verführt bisweilen zum exzessiven Gebrauch.

Abhängige könnten sich durch höhere Dosierungen aus eigener Ernte selbst versorgen. (Es lässt sich schwer sagen, wieviel Anbaufläche zur Versorgung eines abhängigen Opiatgebrauchers erforderlich wären. Es kursiert beispielsweise die Zahl von einem maximalen Opiumertrag von 8 kg pro Hektar. Bei einem durchschnittlichen Morphingehalt von 12 % würde dies 1 kg Morphin entsprechen. Aus der noch grün getrockneten Gesamtpflanze liessen sich auf industriellem Wege etwa 8 kg Morphin extrahieren, aus den Mohnköpfen und den oberen 10 cm Stengel etwa 4,3 kg.) Die schwere Einschätzbarkeit der Dosierung macht die Selbstversorgung allerdings zu einem riskanten Unterfangen. Auch durch Schlafmohntee hat es bei uns bereits Todesfälle gegeben!

Wie wirkt nun Morphin als der wichtigste Inhaltsstoff des Opiums? Er wirkt schmerzlindernd, das heißt der unangenehme Charakter vorhandener Schmerzen schwindet, verstopfend, pupillenverengend, hustenreizstillend, herzschlagverlangsamend und atemverflachend bis hin zum Atemstillstand, der bei fehlender künstlicher Beatmung oder sofortiger Zufuhr eines Opiatantagonisten die typische Todesursache einer reinen Opiatüberdosis darstellt. Zusätzlicher Konsum von Alkohol, Benzodiazepinen (Valium, Rohypnol usw.), Barbituraten (Speda u. dergl.) erhöht das Risiko gefährlicher vielleicht tödlich endender Komplikationen. Ü †belkeit bis hin zu Erbrechen treten bei gelegentlichen Gebrauchern und höheren Dosierungen häufig auf. Auch Appetitminderung, Verengung der Magen- und Darmschließmuskeln, sinkende Körpertemperatur, Juckreiz, Schweißausbrüche, Harnverhaltung, Muskelentspannung, Schwindel, Blutdruckabfall bis hin zum Kreislaufabsturz gehören zum Wirkungsspektrum. Aber für den Konsumenten entscheidender ist die sedativ-hypnotische Wirkung, das matte Wegdämmern zwischen Wachen und Schlaf kombiniert mit einem wohlig-warmen fliessenden Körpergefühl bei oberflächlicher Betäubung der Haut und einer zu Ängsten und Sorgen distanzierten emotionalen Gleichgültigkeit bis hin zu abgehobener Euphorie.

Mancheiner fühlt sich unter Opiaten erst “normal”, kann sich vielleicht zum ersten mal selbst ertragen. Wenn man die Wirkung so empfindet, sollten, glaube ich, die Alarmglocken schrillen. Wenn Mensch es nicht anders lernt, mit sich selbst liebevoller umzugehen, ist Mensch gefährdet, die Droge in abhängiger Weise zu konsumieren. Schlauer ist sowieso, wer die Finger von Opium und Opiaten völlig lässt. Das Denken bleibt unter Opium relativ klar. Mancheiner driftet ins Träumerische ab. Dies ist aber keineswegs die Regel. Der schwülstige Opiumtraum ist eher die Ausnahme und wohl nicht mehr ganz zeitgemäß. Heute schaltet man eher die Glotze an und lässt sich berieseln. Die Kombination mit Cannabis fördert die Phantasie, intensiviert den Rausch, verstärkt aber auch den Zugang zu eventuell vorhandenen Ängsten.

Die Sexualität ist während der Wirkung besonders bei dauerhaftem Konsum eher gehemmt, kann aber besonders in Kombination mit anderen Zutaten (Stechapfel, Brechnuss, Cannabis, Gewürze, nach dem Prinzip der “Orientalischen Fröhlichkeitspillen”,) und nur ausnahmsweisem Gebrauch im besonderen Setting lustvoll gestaltet werden.

Oral eingenommenes Opium oder Schlafmohntee beginnen erst nach vielleicht einer halben bis einer Stunde zu wirken. Es folgt ein Törn der Wirkungssteigerung. Die gesamte Wirkdauer beträgt etwa 4 bis 6 Stunden. Hohe Opiumdosen wirken länger, gerauchtes Opium erheblich schneller und kürzer. Ein Hang over mit Mattigkeitsgefühlen am nächsten Tag ist nicht ungewöhnlich.

Insgesamt steht Opium für mich eher für, wenn auch wohligen, Leerlauf, Stagnation, Isoliertheit, Vormichhindümpeln, Warteschleife, Ruhigstellung, also nicht gerade das, was ich mir für mein Leben wünsche. Aber jedem, wie er oder sie es gerade braucht.

Einen Feldzug gegen eine Pflanze und die Menschen, die letztlich eigenverantwortlich damit umgehen, zu führen, ist nicht nur absurd, sondern hat fatale Folgen, wie die gescheiterte Repressionspolitk nur zu offensichtlich zeigt. Die Kriminalisierung der OpiatgebraucherInnen hat maßgeblich zur Verelendung und zur Verbreitung von Krankheiten wie chronischer Hepatitis und AIDS unter einer großen Zahl von Menschen beigetragen, die genau wie wir alle ein Recht darauf haben, menschenwürdig behandelt zu werden und selbstbestimmt zu leben. Sie brauchen dieses Recht nicht erst durch abstinentes und angepasstes Verhalten zu erwerben, wie es in der Gründungserklärung der Selbsthilfeinitiative JES (Junkies, Ehemalige und Substituierte) heißt.

 

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Guten Tag!

    Ich habe Ihren Artikel durchgelesen, sowie schon soviele andere, dennoch muss ich sagen Sie erklären es wenigstens genau so wie es sich gehört.
    Nun ist meine Frage, beliefern Sie nach Österreich??!! ;)

    Lg, Melissa

  2. Liefern, was, wohin? Ne, liebe Melissa, wir klären auf, aber liefern tun wir nie irgendwas irgendwohin – weil wir auch nix haben. Wir wünschen aber weiterhin eine gute Zeit, auch ohne Lieferung.

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