Herba Cannabis – Aus dem „Lehrbuch der Pharmacologie“ (1856) von Carl Damian Ritter von Schroff

Der Wiener Pharmakologe Dr. Carl Damian Ritter von Schroff (1802-1887) berichtete in seinem „Lehrbuch der Pharmacologie“ (1. Auflage 1856), zur damaligen Zeit eines der wegweisenden Werke auf diesem Gebiet, selbstverständlich auch über „Herba Cannabis von Cannabis sativa L.“. Der vorliegende Auszug, der einen interessanten Einblick in die Kenntniswelt der damaligen Zeit vermittelt und einen heroischen Selbstversuch beinhaltet, entstammt der mit Unterstützung seines Sohnes, dem Mediziner und Pharmakologen Dr. Carl Joseph Stephan Ritter von Schroff (1844-1892), verfassten vierten vermehrten Auflage von 1873.

„Vom Hanf sind officinell die blühenden Endzweige und Spitzen der Pflanze…
Wirksame Bestandteile noch wenig sicher ermittelt; vor der Hand nimmt man eine harzige Substanz unter dem Namen Cannabin dafür an.

Physiologische Wirkung
Das Kraut und besonders die bühenden Endtheile der Pflanze haben für den Orient, namentlich für Egypten, Kleinasien, Persien und Indien eine besondere Bedeutung, weil man von denselben, wie vom Opium, als Genussmittel Gebrauch macht, indem das Kraut geraucht und aus den blühenden Zweigen, so wie aus dem ausschwitzenden Harze mancherlei mit verschiedenen Namen belegte Präparate bereitet werden, die für sich oder in Kaffee genossen werden und welche eigenthümliche rauschähnliche, mit sehr angenehmen Gefühlen, namentlich mit einer Steigerung der Geschlechtslust verbundene Zustände erzeugen. Ich habe, um mich zu überzeugen, was es hiemit für eine Bewandtniss habe, mehrere Versuche angestellt sowohl mit dem blühenden Kraute der bei uns gebauten Hanfpflanze, Cannabis sativa, als auch mit der unter dem Namen Herba Guaza zu uns gebrachten Cannabis indica, so wie mit der bei uns cultivirten indischen Hanfpflanze, und zwar nach dem gleichen, eine Vergleichung wohl zulassenden Schema, woraus sich ergeben hat, dass das aus dem Orient bezogene blühende Kraut ungleich wirksamer ist, als das von der einen oder anderen bei uns gebauten Pflanze erhaltene Kraut. Ich habe ferner mit dem Extractum alcoholic. Cannabis indicae und mit mehrereren aus dem Orient bezogenen unter dem Namen Haschisch bekannten Zubereitungen Versuche angestellt und daraus die Ueberzeugung gewonnen, dass die Wirkungen nach Verschiedenheit der Individualität ungemein variiren, und dass es daher sehr schwer ist, den eigentlichen, wesentlichen, physiologischen Charakter rein aufzufassen.“

Es wird der außergewöhnliche Fall eines Probanten beschrieben, der nach Einnahme eines Tees aus 12 Gramm (!) Cannabis indica einen Tobsuchtsanfall bekam. Interessanter ist hier, was folgt:

„Bei 2 anderen Individuen bewirkte dagegen der Aufguss aus Cannabis sativa und aus Cannabis indica und zwar sowohl der aus dem Orient bezogenen als der bei uns gebauten, besonders aber der einheimischen, sehr geringe Erscheinungen, einige Verminderung des Pulses, Eingenommenheit des Kopfes und Schläfrigkeit. Eben so lieferten auch die Versuche nicht nur mit den verschiedenen Sorten von Haschisch, sondern auch mit demselben Stoffe bei verschiedenen Beobachtern, ja sogar bei demselben Beobachter zu verschiedenen Zeiten sehr verschiedene Resultate. Am intensivsten waren die Wirkungen eines von Herrn Professor Sigmund aus Egypten mitgebrachten, in meiner Pharmacognosie näher beschriebenen trockenen Haschisch, das von 7 Individuen in Dosen von 7-58 Centigramm. genommen wurde. Am intensivsten wirkte es gleich in der ersten Zeit; nach längerer Aufbewahrung zeigte es geringere Wirksamkeit.
Ich nahm 7 Centigramm. Abends um 10 Uhr, legte mich zu Bett, las, noch eine Cigarre nach gewohnter Weise rauchend, gleichgiltiges Druckwerk bis 11 Uhr und legte mich dann mit der Idee zur Ruh, dass diese Dosis wohl zu klein gewesen sein mochte, da sie gar keine Erscheinung hervorbrächte und mein Puls gar keine Veränderung zeigte. In demselben Augenblicke fühlte ich ein starkes Rauschen nicht nur in den Ohren, sondern im ganzen Kopfe; es hatte die grösste Ähnlichkeit mit dem Geräusche des siedenden Wassers, gleichzeitig umfloss mich ein wohlthuender Lichtglanz, der den ganzen Körper durchdrang und ihn durchsichtig erscheinen liess. Mit ungewöhnlicher Leichtigkeit durchlief ich ganze Reihen von Vorstellungen bei gesteigertem Selbstbewusstsein und erhöhtem Selbstgefühl; ich bedauerte, keine Schreibmaterialien zur Hand zu haben, um all das Herrliche aufzeichnen zu können; zum Holen derselben wollte ich mich nicht entschliessen, weil ich fürchtete, diesen höchst angenehmen Zustand zu verscheuchen und weil ich die feste Ueberzeugung hatte, dass ich am nächsten Morgen bei der Klarheit der Ideen und der Lebhaftigkeit der Empfindungen die Erinnerung daran ganz frisch im Gedächtnis haben würde. Ich verglich meinen Zustand mit jenem, wie er nach der Einwirkung von Haschisch geschildert wird, und bemerkte, dass er sich in der Abwesenheit erotischer Gefühle unterscheide. Am anderen Morgen war mein erster Gedanke beim Erwachen, die nächtliche Scene im Gedächtniss zu reproduciren; allein von all` den erlebten Herrlichkeiten trat nichts in die Erinnerung, ausser was ich eben berichtet habe.“

Es folgen Beobachtungen, die an anderen Experimentatoren nach oraler Einnahme des obigen Präparates bezüglich Pulsfrequenz, Körpertemperatur, Pupillengröße, Sinnesempfindungen, Befindlichkeit und Erleben gemacht wurden, allesamt bekannte Phänomene wie:

„…bei denselben Steigerung aller Sinnesenergien und ungemeine Lachlust; Schläfrigkeit bei allen, wenn auch nicht in allen Perioden des Versuches; Bewusstsein ungetrübt; beim Einschlafen Hallucinationen besonders des Auges, vorzüglich angenehmes Farbensehen, Verschwinden des Bodens unter den Füssen, nicht unangnehmes Gefühl des Ueberstürzens, des Fliegens durch die weiten Himmelsräume; meistens sehr heitere Gemüthsstimmung, grosse Neigung zum Raufen, Lärmen, Necken bei ungetrübtem Bewusstsein; subjectives Wärmegefühl wechselt mit subjectivem Kältegefühl, öfteres und tiefes Gähnen, Neigung die Augenlider zu schliessen, bei einigen häufigeres Uriniren. Die meisten verglichen den Zustand mit jenem, den ihnen die Aethernarcose erzeugt hatte. Bei allen fester, tiefer Schlaf in der auf den Versuch folgenden Nacht, bei einem einzigen wohllüstige Träume, bei den übrigen entweder keine oder gleichgiltige oder schreckhafte Träume. Bei allen guter Appetit. Nachwirkungen am andern Tage entweder keine oder nur geringe Mattigkeit und etwas Eingenommenheit des Kopfes.
Die Versuche mit einem anderen Haschisch, das die Consistenz einer Latwerge hatte, süss schmeckte und mit kleinen Stückchen Mandeln versetzt war, ergaben bei grösseren Gaben von 0,5 – 1,0 Gramm. ähnliche Resultate, nur fehlte durchaus die erheiternde Wirkung, Lachlust kam nie vor, eben so wenig angenehme Hallucinationen, dagegen grössere Geneigtheit zum Schlaf, zur Trägheit. Extractum Cannabis indicae alcoholicum zu 0,5 und 1,0 Gramm. bewirkte ein stetiges Fallen des Pulses, Eingenommenheit des Kopfes, Kopfschmerz, Mattigkeit, Neigung zum Schlafe, tiefen Schlaf ohne anderweitige Nachwirkung und ohne Einwirkung auf das Sensorium commune. Geschmack unangenehm widrig, hinterher etwas scharf und bitter.“

Das Spektrum der Wirkungen wird ergänzt durch die kurze Erinnerung an den „Fall einer Vergiftung mit Haschisch“ von 1857, bei dem ein Dr. Heinrich 73 Centigramm eines unter dem Namen Birmingi aus dem Orient erhaltenen Haschisch einnahm und mit Todesfurcht und Depression daniederlag. Dann wird zusammengefasst:

„Aus den mitgetheilten Versuchen ergibt sich, dass die blühenden Spitzen des indischen Hanfes aus seinem Vaterlande am wirksamsten sind, dass dagegen das alkoholische Extract und die mit süssen Säften und Mandeln bereiteten Sorten von Haschisch eine geringe und mehr betäubende, aber nicht jene dem Hanf eigenthümliche aufregende, der Erzeugung von Hallucinationen und Lachlust günstige Wirkung äussern; denn das von Prof. Sigmund aus Egypten mitgebrachte trockene Haschisch besteht beinahe allein aus den blühenden Spitzen, indem die von mir vorgenommene mikroskopische Untersuchung deutlich die dem indischen Hanf zukommenden Pollenzellen und Haare nachgewiesen hat und gerade dieses bewirkte ähnliche Erscheinungen wie der heisse Aufguss der blühenden Spitzen. Uebrigens spielt die Individualität eine sehr grosse Rolle dabei und kann man keineswegs mit Sicherheit auf eine bestimmte Wirkung rechnen, was wohl in einem gewissen Grade von allen berauschenden Mitteln mehr weniger gilt. Auf den einen wirkt der Wein deprimirend, macht ihn zum weinenden Krokodil, während er den andern aufregt, erheitert, gesprächig, lach- und raufsüchtig macht. Vom Opium unterscheidet sich der Hanf, dass er einen rauschähnlichen Zustand erzeugt, ohne das Bewusstsein aufzuheben oder zu alteriren, dass er eigenthümliche Hallucinationen und in der Mehrzahl der Fälle Heiterkeit, besonders Lachlust mit dem Triebe zur Aeusserung der Muscularkraft bewirkt, dass er keine nachtheilige Einwirkung auf den Magen äussert, wie diess dem Opium zukommt, dass er öfters die Harnsecretion vermehrt und die Stuhlentleerung nicht zurückhält. Uebrigens übertrifft der indische Hanf alle bisher bekannten Mittel, welche in einer näheren Beziehung zum Hirnleben stehen, an unmittelbarer Einwirkung auf die Phantasie, auf das Vorstellungsvermögen überhaupt. Bei keinem anderen Phrenicum tritt das geistige Selbstbewusstsein, die psychische Cöästhese, das geistige Sichselbstanschauen so frei hervor, wie hier, bei keinem bricht der Strom der inneren Ideenwelt so gewaltsam und in so rasender Eile durch, wie hier, ohne dass die Möglichkeit der Beachtung der Anregungen von Seite der Aussenwelt und die entsprechende Reaction darauf aufgehoben wäre.
In den höheren Graden der Wirkung hat man einerseits furibunde Delirien, Anfälle von Tollheit, andererseits hohe Grade von Depression, catalepsieähnliche Zustände mit vollständiger Bewusstlosigkeit beobachtet.“

Ein bestimmtes Urteil über die Verwendungsmöglichkeiten bei verschiedenen Krankheiten, „namentlich in Geistes- und Nervenkrankheiten“, hielt Schroff damals nicht für zulässig, auch wenn von Tinctura Cannabis indicae und Extractum Cannabis indicae als beruhigenden und schlafmachenden Mitteln im Einzelfall mit Erfolg Gebrauch gemacht wurde und diese in die Pharmacopoaea Germanica 1872 aufgenommen wurden:

„Die Unsicherheit der Wirkung wird der häufigeren Anwendung in so lange entgegenstehen, bis es nicht gelungen sein wird, ein immer gleichförmiges Präparat darzustellen.“

Die Grundlagen hierfür waren erst knapp 100 Jahre später durch die Möglichkeiten der Identifizierung und Isolierung des Wirkstoffes THC gegeben.

 


 

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