Die Kifferfreundin

Kiffer-Typen XI

Erschienen im Highway Magazin

Die Kifferfreundin

Wie männlich dominiert die Kultur und Sprachkultur noch immer ist, merkt man alleine am Titel dieser Serie. Die hier spaßig beschriebenen Kiffertypen waren dann auch allesamt männlich. Nun kann man argumentieren, dass die Leidenschaft für Cannabis vor allem Männer umtreibt, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Der Autor ist selber Mann, biologisch, vor allem aber auch per Erziehung, und hat diese Prägung in die Serie eingebracht. Etwas zerknirscht widmet er sich daher nun dem Typus der „Kifferfreundin“ zu, die schon per Definition zum nachgeordneten Anhang des Mannes zu werden droht; sicher eine Verdrehung von gelebter Beziehungswirklichkeit. Dies vorweg gestellt darf wacker ironisiert werden.

Kluge Paare haben gemeinsame Hobbys, glückliche Paare nicht. Die Frau oder Freundin eines Kiffers sattelt seltenst das gleiche Pferd wie ihr Mann, um mit ihm durch die Rauschprärie zu reiten. Bestenfalls kann sie gut drehen. Ansonsten hält sie sich aus den Liebhabereien des Mannes raus und betrachtet die nichtsnutzigen Luschen, die ihren Mann zum Kiffen und Spaß haben im gemeinsamen Haushalt besuchen, eher mit Argwohn. Sicher, sie hat versucht sich ihnen anzunähern, aber der Kifferhumor, der mehr auf Absurdität und Trash setzt, als auf ausgefeilten Wortwitz, ist ihr fremd geblieben. Wenn es gut läuft, bringt sie Schnittchen in den Partykeller, wenn es schlecht läuft, mahnt sie gegen Mitternacht die Gäste zum Aufbruch.
So entspricht sie im Zweifelsfall eben doch dem Klischee. Hier der wilde Krieger, der mit dem Kopf durch die Wand immer auf der Suche nach rauschhaften Erfahrungen ist, da die ausgleichende Hüterin des Heimes, die sich ungern aus der Wirklichkeit rauskegelt.

Wie haben die beiden sich kennen gelernt? Ironischerweise genau in dem Moment, als er einmal versucht hatte, vier Wochen kein Dope anzurühren. Das hat natürlich nur vier Tage geklappt. Am letzten Abend überredeten ihn seine Freunde zum Ausgehen, es folgten Clubbesuch, wummerte Bässe und Gin-Tonic. Er sah sie, sie ihn, man sprach, brüllte gegen die elektronischen Klänge und war angetan. Sie gab ihm ihre Festnetznummer. Festnetz! Da war es um ihn geschehen. Am folgenden Tag war er so aufgeregt vor dem Anruf, dass er zur Beruhigung einen durchziehen musste. Das hat dem Gesprächsfluss keinen Abbruch getan, im Gegenteil. Er war belebt, wiederbelebt sogar nach Jahren der weiblichen Abstinenz. Der Rest ist die Geschichte einer Liebe.

Für die Freundin eines Kiffers gibt es nur zwei Möglichkeiten: Akzeptanz oder Ignoranz. Ändern kann man den Kerl sowieso nicht, Rettungsversuche oder gar therapeutische Maßnahmen sollten unterlassen werden, sie stören nur sein über Jahre erarbeitetes Gleichgewicht, das sich aus den Komponenten Genügsamkeit, Verschrobenheit und Vorfreude aufs Wochenende zusammensetzt. Dem dauerhaften Ignorieren seines krümeligen Hobbys wohnt die Gefahr inne, im Inneren dann doch Abneigung anzuhäufen, die sich dann auf Nebenschauplätzen Bahn bricht: „Wir brauchen drei Kisten Sprudel und wenn meine Eltern nächste Woche zu Besuch kommen, dann kann das hier nicht so unaufgeräumt aussehen!“.

So ist die Kifferfreundin zumeist doch eine Abstinenzlerin. Das wurmt den Kiffer, aber die Alternative will im Grunde keine Mann länger an seiner Seite wissen: Die weibliche Feiersau, die die Kumpels vom Bong wegdrängelt und ihre Backenzähne aufgrund Jahrzehnte währender Freshflashattacken nebst mangelnder Zahnpflege bereits eingebüßt hat. Zunächst ist es eine tolle Sache, wenn die neue Freundin in der Lage ist, auf dem Hip-Hop-Konzert mitten in Menge einhändig veritable Joints zusammen zu rollen. Das erhöht die credibilty enorm. Und Liebesbeziehungen sind ja immer auch Assimilationsprozesse an den vom Partner eingebrachten Freundeskreis. Auf längere Sicht feiern sich solche Paare oftmals aber nicht nur ins Abseits gesellschaftlicher Konventionen (das wäre ja schön), sondern betreiben körperlich-geistigen Raubbau. Sich gut ergänzen muss nicht heißen, die wirrsten Eigenschaften zu summieren. Nebenbei gesagt sind Powercouples ja ohnehin eher unsympathische Zeitgenossen. Der berauschte Tanztee findet ohnehin meist sein Ende, wenn Kinder geboren werden. Dann wird aus der Kifferfreundin die Kiffermutti – und die hat zumeist mit einem Mann zu kämpfen, der aus gutem Grund nicht erwachsen werden will. Aber es hilft kein Jammern, denn aus der Rumpelkammer wird ein muckeliges Kifferheim werden.

Das weibliche Geschlecht, Entschuldigung, die Geschlechtsrolle Frau ist noch immer vom Traum der Familie unter einem Dach beseelt. Das mag zu Schul- und Studien- sowie in Zeiten allgemeiner Festlegungsschwäche nicht gleich sichtbar sein, dem Kiffer sollte es allerdings spätestens schwanen, wenn die Zahnbürste der Freundin dauerhaft im WG-Badezimmer Einzug gehalten hat. Natürlich gibt es Ausnahmen: So sind männliche Kiffer aufgrund ihrer eingehauchten Empathie als Übergangslösung prädestiniert. Der alte Mann geflüchtete, der neue Ryan Gosling noch nicht in Sicht. So sucht sich die Kifferfreundin den frauenverstehenden Notnagel. Der darf kochen, kuscheln und das psychische System neu kalibrieren. Na, vielen Dank. Dann ja doch lieber die Feiersau.

 

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Jörg Auf dem Hövel

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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