Der High-Tech Kiffer

Kiffer-Typen IX

Erschienen im Highway Magazin

Der High-Tech Kiffer

Fälschlicherweise könnte man annehmen, das der Kiffer-Typ, dem wir uns heute zuwenden, ein Phänomen des digitalen Zeitalters ist. Aber den technikaffinen Cannabis-Connaisseur, kurz Cannasseur, gab es schon immer. Es ist der Typ, dem die handwerklichen Mittel nie nur Mittel zum Zweck sind, sondern der in ihrem ständigen Gebrauch und ihrer stetigen Erneuerung Sinn findet. Im Grunde müsste man davon ausgehen, das auch Daniel Düsentrieb, dieser Prototyp des Nerds, ein Kiffer ist. Der High-Tech Kiffer hat sich eine mechatronische Trutzburg gebaut, um jederzeit aktiv in sein Leben eingreifen zu können. Und immer droht er sich im Kabelsalat zu verheddern.

Das Smartphone (natürlich ein Fairphone mit gerootetem Android-Betriebssystem) dient als Schaltzentrale seiner Leidenschaft. Hierhin werden nicht nur die Temperatur- und PH-Werte in seinen Growräumen verschlüsselt übertragen, hier sammelt er zudem akribisch alle E-Paper-Ausgaben der Highway und treibt sich als Wissender in allen wichtigen Cannabisforen herum. Als Self-Tracker geht er aber noch ein Stück weiter: In einer App erfasst er seine sportlichen Aktivitäten bei Anbau und Ernte, sowie die Anzahl der täglich inhalierten THC-Einheiten, sauber getrennt nach Joints und Bongs, die er nur noch aus Solidarität auf Parties konsumiert. Er selber vaporisiert und dabbt natürlich als Ergänzung zu den eigenfabrizierten Sublingual-Sprays und Transdermal-Cremes, die er in komplizierten Rhythmen appliziert. Auch diese Hits landen in der App und werden monatlich ausgewertet. Weil er das alles so sauber trackt, hat er schon einen Antrag bei seiner Krankenkasse auf Zuzahlung zu seinen Grow-Aktivitäten gestellt. Schließlich würde er, so seine Argumentation, im Grunde ein mustergültiger Prä-Medizinal-User sein und krankheitsvorbeugend einen vorbildlich gesunden Lebensstil abseits von verunreinigten Schwarzmarktprodukten pflegen. Bisher hat seine hübsche Sachbearbeiterin ihn vertröstet, soweit sei die Gesetzgebung noch nicht. Unser kluger Kiffer hat aber sein E-Mail Programm angewiesen, in regelmäßigen Abständen, das heißt dreimal täglich, Erinnerungsmails an die verständnisvolle Frau zu senden.

Als selbstständiger IT-Experte muss er das Haus von Mutti nicht verlassen, wenn er nicht will – und er will selten. Morgens Frühsport im Keller, dort hat er neben einem Growroom seinen Stepper und andere Fitnessgeräte aufgebaut. Nur durch eine Plexiglasscheibe getrennt kann er die Blütenexplosion seiner Lieblinge wie in einem Haifischbecken auf dem Ergometer strampelnd verfolgen. Er betritt den sterilen Raum so wenig wie möglich, um keine fiesen Parasiten einzubringen und seinen Bio-Status nicht zu verlieren, denn er weiß, im Notfall würde er zu radikalen Maßnahmen neigen. In Anwandlungen von Liebe dokumentiert er die Drüsenhaare seiner Buds mit Hilfe einer Makro-Linse für seine Smartphone-Kamera.

Auf dem Bildschirm vor sich verfolgt er nebenbei die unaufhörlich steigenden Aktienkurse der Hanf AG. Danach sitzt er ein paar Stunden am Schreibtisch und programmiert Software für die Steuerungsanlagen von Bewässerungssystemen, während Mutti nach genauen Anweisungen das vegane Mittagessen kocht. Eine umgemodelte E-Zigarette hängt ihm lässig im Mundwinkel. Er befüllt sie mit einem selbst hergestellten Cannabis-Extrakt. Das hat er mit Dimethyläther extrahiert und mit Designervakuumpumpen rückstandsfrei optimiert. Creme, Glas, Budder, Shatter oder Wax, der High-Tech Kiffer ist immer auch ein Dauerkiffer auf höchstem Niveau. Die Bezeichnung „stoned“ trifft es schon lange nicht mehr, wenn man seinen Bewusstseinszustand beschreiben will. Er hat sich über die Jahre in einen freundlichen Cyborg verwandelt, der kurz vor dem Übergang in den Cyberspace steht und von diesem aus das Universum und seine Vasallen dirigiert. Er glaubt an die Singularität, den Zustand, an dem sich Maschinen selbst verbessern können, und dass die Zukunft der Menschheit maßgeblich davon beeinflusst wird. Es ist wie so oft bei den Nerds: Das Göttliche manifestiert sich nicht mehr simpel in der Liebe, sondern in knisternden Schaltkreisen. Der über 2 Millionen Mausklicks emigrierte Sinn wird über eine technische Vollendung der Welt wieder quasi rektal eingeführt. Der Mensch ist zwar von Anfang an ein Auslaufmodell, aber so lange Mutti noch kocht, Garant für die Zukunft.

Abends wird sich im Chat mit Gleichgesinnten ausgetauscht, und dabei nicht nur über Cannabis, Dabber aus Titan oder Palladium und perfekte Oil-Rigs fabuliert, sondern es stehen auch andere Genussmittel im weitgestellten Fokus seines Interesses: Jüngst hat er neben dem Wäschetrockner eine futuristische Craft-Bier Anlage installiert, um obergärigen Gerstensaft mit maximal-wuchtigen Hanfaromen zu fusionieren.

Und die Frauen? Schlecht steuerbar, denkt er sich. Untergründig fasziniert ihn, dass diese Spezies einen Zustand zwischen 0 und 1 zu kennen scheint, das sanft gehauchte „vielleicht“. Eine willige Erntehelferin wäre zwar zweckdienlich, würde aber wahrscheinlich die wohl gepflegten Lebensrhythmen und Algorithmen durcheinander bringen. Des Nachts, ekstatisch leergewichst und mit Space-Balls vollgefressen, grübelt er manchmal noch „Wer passt denn schon zu meiner Vollkommenheit?“ – und nimmt sich dann sardonisch grinsend vor, morgen den Elite-Partner-Code zu hacken.

 

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Jörg Auf dem Hövel

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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