Lahn-Wahn

HanfBlatt Nr. 71, Mai/Juni 2001

Netzwerkpartys sind nichts für Schwächlinge

Der Laden stinkt nach kaltem Rauch und Männerschweiß, das Publikum besticht durch seinen aschfahlen Teint und der Elektro-Smog-Pegel dürfte sensible Charaktere zum Kotzen anregen und. „Hier sind wir richtig“, ist denn auch der Kommentar eines Weggefährten. Gestalten hocken vor ihren Monitoren und ballern bis die virtuellen Rohre glühen, wir dringen selbstbewusst zu fünf allein stehenden Rechnern vor. Der braungebrannte Besitzer und sein bleicher Helfer haben bereits die Software unserer Träume installiert, jetzt heißt es nur noch die Lenkräder anschließen und los geht die wilde Fahrt. Wir wollen eines der letzten Abenteuer erleben, welches die Welt noch bereit hält – eine bekiffte Formel 1 Netzwerkparty.


Es wäre interessant zu hören, was der Chefredakteur einer dieser hochglänzenden Lebensart-Einrichtungs-Ich-kaufe-Alles-Zeitschriften zu dem Ambiente in diesem Tempel sagen würde. Eine kümmerliche Yucca-Palme sollte ursprünglich Leben antäuschen, hat sich aber mittlerweile dem Elektro-Smog ergeben, ansonsten herrscht Funktionalität in dem Laden: Neon-Röhren, gekachelten Boden, weiße Wände. Es erinnert an die 2001-Version des Aufenthaltsraums von „Einer flog übers Kuckucksnest“, der Vorhof zur digitalen Spielhölle, oder eben des Himmels.

Ennos Sporttasche hat seit Jahren keine Trainingsklamotten mehr gesehen, dafür hat es sein rotes Steuerinstrument warm und kuschelig. Man staunt nicht schlecht, als nicht nur er, sondern wir alle aus unseren Taschen und Tüten feinste Force-Feedback-Lenkräder zaubern. Merke (1): Gut konfiguriertes Equipment ist Voraussetzung für zügigen Spaß. Computer, Monitor und Zubehör müssen rund laufen, sonst wird aus der LAN schnell eine Lahm-Party.

„So was hatten wir hier noch nie“, erzählt der freundliche Fraggle uns. Er wird für den Rest des Abends und der Nacht um unsere Rechner herumschleichen – nicht weil er kontrollieren, sondern mit spielen will. „Ich bin selber Fan von Grand Prix 3 und gestern Nacht hier bis 2 Uhr gefahren.“ Viele Rennen hätte er dabei gewonnen, erzählt er. Wir lassen das unkommentiert, zum einen, weil wir ahnen, dass wir um 2 erst richtig heiß, zum anderen, weil wir mit der Installation der Software für die Lenkräder beschäftigt sind. Plug&Play ist eine der hartnäckigsten Lügen des Intel-Microsoft-Kartells. Der Aufbau eines lokalen Rechner-Netzwerks (LAN) über TCP/IP ist selbst unter Windows 98 eine Aufgabe für Tüftler, die Tastaturbelegung von Force-Feedback-Lenkrädern führt manche Menschen zu Nervenzusammenbrüchen. Merke (2): Eine LAN- ist immer auch eine Installations-Party.

Startaufstellung

So langsam kommt der Wahnsinn in die Gänge: Charasi fährt die ersten Proberunden in Melbourne und fordert uns auf, endlich das Rennen zu starten. Alle hacken an ihren Rechner rum, die Stimmung ist nervös wie in der Boxengasse. Ennos Steuereinheit ist mittlerweile konfiguriert, aber jetzt ruckelt bei Rudolf plötzlich die Grafik. Der gebräunte Besitzer des Techno-Schuppens beäugt unsere Aktivitäten, die mittlerweile in den Eingeweiden des Betriebssystems wühlen, mit Sorge. „Vielleicht muss am BIOS was geändert werden“, tippt Enno ins Blaue. Die Schweißperlen auf der krausen Stirn des Inhabers zeigen deutlich, was er von diesem Vorschlag hält. Der Mann hat Glück, schließlich reicht es aus im Spiel selbst die Grafikfunktionen anzupassen. Damit ist das Werk vollbracht: Auf der virtuellen Start-Ziel-Geraden des Formel 1 Kurses in Melbourne stehen 18 Wagen, fünf davon gehören uns. Die Ampeln stehen auf Rot, die Motoren brüllen so laut durch den Laden, dass sogar die Jungs an den Nebenrechnern kurz von ihrem Ausflug in die Schmuddelecken des WWW zurückgeholt werden.

 

 

Aber halt! § 23 der FIA-Reglements schreibt die Inhalation von Cannabinoid-haltigen Abgasen vor dem Einstieg ins Cockpit vor! In der Hosentasche von Rudolfs feuerfesten Rennoverall findet sich das vorgeschriebene Balsam für unsere gespannten Nerven. „Aber nicht hier drinnen, das geht gar nicht, macht das Bitte vor der Tür“, sagt der bleiche Mann, als er unsere Medikamentenwahl entdeckt. Also verlassen wir im Gänsemarsch den Laden. Draußen herrscht Glatteis, denkbar schlechte Bedingungen für ein schnelles Rennen. Egal, wir füllen unseren Tank randvoll mit bestem Treibstoff. Das muss erst einmal für rund 18 der 62 Runden halten, darum Merke (3): Verrate der Konkurrenz nie deine Boxenstrategie.

In leichten Schlangenlinien eiern wir ins Cockpit zurück. Der Start ist eine äußerst brisante Situation, hier heißt es kühlen Kopf bewahren. Enno und Rudolf beschleunigen zwar etwas langsam vor mir, ich reihe mich aber brav in die Schlange vor der ersten Kurve ein. Neben mir rast Charasi in die Rabatten, „Neeiiiinnn !!!“ – sein Fluch hallt durch den kahlen Raum wieder und verliert sich in dem Ohr der manischen Half-Life-Spieler, die unsere Eskapaden mit stoischer Ruhe begegnen. Der Hanf wühlt mich auf, ich fühle die 790 PS meines Williams-BMW FW22, der heiße Vogel läuft in jeder engen Kurve Gefahr, mir unter´m Arsch wegzurutschen. Spät bremsen, früh raus beschleunigen, ich bin gut drauf, aber die Mistzecke von Rudolf fährt wie auf Schienen vor mir. Auf der Gerade geht meine Kiste auf 320 km/h hoch, mein Puls folgt, die Kardanwelle steht kurz vor der Verabschiedung ins Datennirwana. Beim Überfahren der Randsteine rüttelt das Lenkrad meinen gesamten Körper, „May the Force be with you“, raunt Bernie Ecclestone mir zu. Im Rückspiegel nähert sich mit mächtig Überschussgeschwindigkeit schon wieder Charasi. Er hat seine Flügel auf minimalen Anpressdruck gestellt, das gibt ihm auf der Geraden viel Speed, in den Kurven viel Ärger. Mit einer wahnwitzigen Aktion rauscht er rechts an mir vorbei, damit die Reifen nicht blockieren, trampelt er irrsinnig auf dem Bremspedal rum. Irgendwie bleibt er auf der Strecke, wird aber zu weit rausgetragen, so dass ich ihn kurz vor der nächsten Kurve wieder überholen kann. Das Rennen verläuft hochtourig, erst nach einiger Zeit bemerke ich einige Zuschauer hinter uns, die kopfschüttelnd, aber doch staunend dem Rennverlauf folgen.

Boxenstopp

§ 24 des FIA-Reglements besagt, dass während eines Rennens der THC-Pegel im Blut des Piloten einen Wert von 4 Milligramm nicht unterschreiten darf. Also ran an die Boxen und nach den inneren Ludern Ausschau halten. Wieder raus aus dem Schuppen, die Luft ist frisch, aber definitiv zu kalt, also verpieseln wir uns ins Auto um die Ecke. Mittlerweile brauchen wir den Gestank von Benzin und Öl immer um uns. Die Atmosphäre im Fahrerlager ist rotz harter Konkurrenz auf der Strecke stimmig – der Joint vereinigt die erhitzten Gemüter. Ein kurzer Blick ins Regelbuch führt uns wieder einmal die harten Bedingungen des professionellen Rennsports vor Augen. § 34 besagt eindeutig, dass Dosenbier zwar während der Fahrt nicht aus dem Cockpit geworfen werden darf, in der Boxengasse aber zur Betankung herangezogen werden muss. Wir fügen uns widerwillig.

Rennstrecke
Wieder im Boliden wird die Stimmung hitzig. „Was bremst du denn da?“, pöbelt Charasi Rudolf an. „Ich bremse wo ich will, du Lappen.“ Beide amüsieren sich mit durchdrehenden Rädern im Kiesbett, während ich an ihnen vorbei ziehe – so macht Rennsport Laune. Mittlerweile hat der Laden-Fraggle eingesehen, dass wir eine andere Klasse sind als er. „Ach, ihr Fahrt ohne Bremshilfen?!“, ist sein leicht frustrierter Kommentar. In unserem Zustand brauchen wir keine Hilfe von niemanden mehr, mit roten Augen kriechen wir in den Monitor, leben den Cyborg, werden zur perfekten Man-Machine-Interface. Die rückhaltlose Beachtung des harten Regelwerk der FIA hat unsere Geist-Körper-Einheiten auf Hochleistungsmodus getunt, wir sind hart am Limit und fahren oft darüber hinaus. Merke (4): Auch in virtuellen Simulationen ist immer auf das besondere Regelwerk der FIA zu achten. Ob die Fahrtüchtigkeit dadurch erhöht oder verringert wird, ist noch nicht abschließend geklärt.

Turbo-Lader

Champagner rieselt auf mich und meinen Teamchef, da reißt mich plötzlich der Blue-Screen of Death aus meinen Siegerträumen. Eine der Transistor-Kisten ist offen sichtlich von unseren Fahrleistungen überfordert, das Rennen ist hinüber und wir fallen aus den Wolken in den Neustart. Sei´s wie es ist, denke ich, und schlage fürs Hochfahren der PCs einen erneuten Gang ins kalte Fahrerlager vor. Mittlerweile wird dem Hilfs-Chef unser Treiben zu bunt, er bittet uns, nicht unbedingt vor der Tür dem FIA-Regelwerk nachzukommen. „Kein Problem, Meister.“ Um ihn und unsere Synapsen bei Laune zu halten, erleichtern wir ihn um den gesamten Vorrat an Snickers und Mars und setzen auch dem Cola-Automaten schwer zu. Die freundlichen Türken am Nachbartisch haben sich inzwischen lange genug durch die dunklen Gängen der Quake III Arena gejagt, sie verlassen den Laden. Wir aber sind noch lange nicht am Ende.

 

LAN WAHN

Bei einem nem Mega-Event in Duisburg trafen sich 1999 über 1600 PC-Spieler um über ein LAN (Local Area Network) miteinander zu spielen. Das war die größte bis heute stattfindende LAN-Party – teilweise brach hier das Stromnetz der Fabrikhalle zusammen. Im Normalfall trifft man sich aber in kleinem Kreis und schließt mindestens zwei Rechner über ihre Netzwerkkarten zusammen. Die Hardware-Voraussetzungen sind hoch: Mindestens ein 500 Mhz Prozessor und eine schnittige Grafikkarte sollten es schon sein, um zügig im Netz fahren oder ballern zu können. Die First-Person-Shooter Unreal Tournament, Quake III Arena, Half-Life oder dem indizierten Counterstrike bieten die besten Voraussetzungen für Gruppen-Spielspaß, wer das Wochenende nicht nur in Blut baden möchte, wird von der Formel 1 Simulation Grand Prix 3 bestens bedient. In vielen Städten existieren mittlerweile Läden, in denen man Rechner stundenweise mieten und dort im Netzwerk spielen kann. Aktuelle Termine von LAN-Partys gibt’s unter www.lanparty.de.

Jörg Auf dem Hövel

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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