Malana Power Project

Ein Mythos stirbt

Das “Malana Power Project” im Norden Indiens wird die Region der Charras-Bauern nachhaltig verändern

Das Hochtal im West-Himalaya ist eines der berühmtesten Gebiete, was die Gewinnung von handgeriebenen Haschisch betrifft. In dem etwa 600 km nördlich der indischen Hauptstadt Neu Delhi gelegenen Gebiet läßt die klare Gebirgsluft und die stechende Sonne sehr kräftige und vor allem potente Pflanzen gedeihen. Auch wenn die Qualität der Pflanzen in den letzten Jahren durch den Zukauf von minderwertigen Faserhanfsamen etwas zurückgegangen ist, bleibt das Haschisch, in Indien allgemein Charras genannt, ungemein kräftig. In besseren holländischen Coffee-shops wird regelmäßig Malana- Charras angeboten. Allerdings handelt es sich dabei fast immer um Haschisch aus der Region um Malana, meist aus dem tiefer gelegenen Parvati-Tal. Malana ist vor allem durch eine sehr aufwendig hergestellte Art des Charras bekannt: der sogenannten Malana-Creme. Diese wird anders als der Normal-Charras, in dem Pflanzenfasern beim Reiben der Blüten eingearbeitet werden, sehr vorsichtig gewonnen. Es entsteht ein Hasch in dem es kaum Pflanzenrückstände gibt und das in seiner Konsistens und Farbe an Opium erinnert. Wirklich erfahrene Reiber bringen es an guten Tagen auf eine Produktion von nur etwa zehn Gramm. Dieser Tatsache ist es zu verdanken, dass man außerhalb der Erntesaison ohne Beziehungen kaum etwas von dieser Creme zu Gesicht bekommt. Leider haben die Malanis in den letzten Jahren gelernt den legendären Ruf ihres Charras kommerziell zu nutzen. Nicht nur das der Preis des Malana-Charras ungefähr das doppelte beträgt, den man für qualitativ vergleichbaren, im Parvati-Tal hergestellten Charras, bezahlt. Oft wird minderwertiger Charras als hochwertiger an ahnungslose Hippies, die meist aus den Tourismushochburgen Goa oder Manali einfallen, verkauft. Diese jungen Menschen, die mit prallen Portemonnais auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und der lautesten Technoparty sind, bezahlen jeden Preis für das, was sie für Malana- Charras h alten.

Nachdem im letzten Frühsommer eine Sondereinheit (Special Narcotic Force) des indischen Innenministeriums (Ministry of Home Affairs) in dem schwer zu erreichenden und abgelegenen Hauptort (Malana) des eta 20 Kilometer langen Tals auftauchte, konnten die Schergen aus Delhi sich in dem Erfolg sonnen, die Felder, die um und in dem Dorf angelegt waren gerodet zu haben. Offentsichtlich wollten sich die Gesetzeshüter aus der Hauptstadt nicht mehr auf die lokalen Sicherheitskräfte verlassen. In die anderen Orte des Tals (Aturan, Nerang, Ohetschinn) waren die Mannen in khaki jedoch nicht vorgestoßen. Die Fotos die bei der Rodung gemacht wurden waren offentsichtlich Beweis genug, um eine erfolgreiche Aktion gegen den Rauschgifthandel zu belegen. Der Weg in die beschwerlich zu erreichenden anderen Orte war somit überflüssig. Die Ernte konnte im Frühherbst ohne weitere Probleme eingebracht werden. Die Hanf-Landwirte reagierten unaufgeregt auf die vermeintliche Bedrohung aus der fernen Hauptstadt. “Es wird auch in Zukunft nicht möglich sein das ganze Tal zu kontrollieren. Ich mache mir keine Sorgen, dass ich den lukrativen Hanfanbau aufgeben muß”, gab einer der lokalen Charrasbauern an.

Im Gegensatz zu den dem niedriger gelegenen Parvati-Tal, in dem neben Hanf vor allem Äpfel, Senf und Getreide angebaut wird, wird im Malana-Tal ausschließlich Hanf angebaut, was dazu geführt hat, dass die einst bettelarmen Malanis zu beträchtlichem Wohlstand gelangt sind. Dies führt in einer Hochgebirgsregion mit äußerst fragilem Ökosystem zu speziellen Problemen. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Menschen in der Region um Malana mehr als verdoppelt. Auch die Zahl der Häuser ist rasant angestiegen. Die traditionelle Methode des Hausbau mit Holz und Stein hat dazu geführt, dass beträchtliche Flächen des Hochgebirgswaldes verschwunden sind. Die Belastungen durch den Hausbau werden durch den üblichen Gebrauch von Holz als Energieträger (Kochen und Heizen) noch verstärkt. Zwar gibt es Aufforstungsprogramme, doch eine Kiefer braucht in dem rauhen Klima etwa 100 Jahre um auszuwachsen, d.h. für den Hausbau brauchbar zu sein. Auch die schlechtbezahlten Forstbeamte wollen die Zerstörung nicht aufhalten; sie sind gegen ein geringes Backschisch nur allzugerne bereit die Augen bei illegalem Einschlag abzuwenden. Die Folgen sind unübersehbar: Die Steinschlaggefahr erhöht sich Jahr für Jahr, ganze Hänge rutschen bei den starken Regenfällen im Winter und Frühjahr ab. In einem Gebiet ohne Kanalisation belastet die zunehmende Fäkalienmenge die Wasserqualität der Brunnen, ein Problem das bis vor kurzem in der Region völlig unbekannt war. Der Zusammenhang zwischen dem Wohlstand, der durch die Produktion und den Verkauf von Charras entstanden ist und der fortschreitenden Umweltzerstörung ist nicht von der Hand zu weisen.

Doch nun drohen dem Gebiet, in dem das beste Dope der Welt gewonnen wird, umgreifende Veränderungen. Als es 1992 nötig wurde die indische Wirtschaft zu liberalisieren um einen drohenden Staatsbankrot abzuwenden, wurde versucht in- und ausländische Investoren zu bewegen, Projekte anzuschieben von denen nach Möglichkeit auch die Bevölkerung profitieren sollte. In einem Land, dass vorher durch utopische Fünfjahrespläne und eine durch und durch koruppte Beamtenschaft auffiel, kein einfaches und schon gar kein schnelles Unternehmen. Die Wogen dieser Politik schwappen sechs Jahre später ins westliche Himalaya. Am Ausgang des Tales, wo der Malana-Fluß in den Parvati-Fluß mündet, wird ein 56 kW Staukraftwerk gebaut. Zwar kursierten Gerüchte über ein solches Projekt schon seit Jahren in der Region, doch erschien es aufgrund der schwierigen geologischen Bedingungen als wenig wahrscheinlich. Nun aber wurde unter der Führung einiger indischer Großbanken die “Malana Power Project Ltd.” gegründet. Unter großzügigem Einsatz von Menschenleben wurden in weniger als einem Jahr eine Autobrücke über den Parvati-Fluß und etwa 15 km Straße in das Malana-Tal gebaut. Täglich zerreißen bis zu hundert Explosionen die Stille der Bergidylle um die Straße in dem extrem steilen Terrain voranzutreiben. Die Vorbereitungen zum Bau des Staudamms liefen in diesem Februar an. Auch die Gewohnheiten der Charrasbauern von Malana werden durch die Erschließung ihres Tals betroffen. Nach Angaben von Einheimischen soll eine Polizeistation am Ausgang des Tals eingerichtet werden. Die eigentliche Katastrophe für die ohnehin schon angespannte Ökologie der Region sind jedoch die 5-8000 Wanderarbeiter, die meist aus Nepal oder den ärmsten indischen Bundesstaaten (Rajasthan, Orissa, Bihar) in das Tal gekommen sind, um für ein paar Jahre in Lohn und Brot zu sein. Ihr Arbeitgeber hat sie mit blauen Plast ikplanen ausgestattet, aus denen sie sich ihre Behausungen bauen. So entstehen ganze Dörfer über Nacht. Diese Ansammlungen von Plastikverschlägen beherrbergen ganze Familien, Spelunken in denen schwarzgebrannter Schnaps verkauft wird und sogar Bordelle. Neben den ökologischen Problemen kommt es schon jetzt zu gesellschaftlichen Spannungen, vor allem am Ausgang des Malana-Tal, wo sich die Arbeiter hauptsächlich angesiedelt haben. Die Menschen in den Dörfern, die zuvor nie auf den Gedanken gekommen wären ihre Häuser abzuschließen, weil jeder jeden kannte, waren nach einigen Diebstählen mißtrauisch geworden und hatten die vermeintlich Schuldigen schnell ausgemacht. Andere Projekte dieser Art in Indien haben schon gezeigt, dass ein Teil der Arbeiter auch nach Abschluß der Bauarbeiten an dem Platz verbleibt. Zum einen gibt es bei Bauten wie etwa Staudämmen immer etwas Wartungsbedarf, zum andern ist damit zu rechnen, dass sich durch die entwickelte Infrastruktur auch andere Wirtschaftsfelder finden (Tourismus, Handel). Man darf erwarten, dass die Zeiten der Bergbauernromantik unwiederrufbar der Vergangenheit angehören. In Zukunft kann man stattdessen den schalen Charme indischer Kleinstädte geniessen.

Die Region um Malana wird sich verändern. Bald wird man mit dem Bus oder Taxi bis fast zum Dorf Malana kommen. Mit den Segnungen, die diese Veränderungen mit sich bringen, werden auch die weniger schönen Seiten der Zivilisation in dieses bisher stille Tal einziehen. Die Malanis jedenfalls blicken gelassen in ihre Zukunft: Sie freuen sich, dass sie ihre Farbfernseher ohne Stromausfall gebrauchen können.

Jörg Auf dem Hövel

Veröffentlicht von

Jörg Auf dem Hövel (* 7. Dezember 1965) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist u. a. für die Telepolis, den Spiegel und Der Freitag.

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